Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)
01.12.2016

Gemeinsame Kämpfe

Der Interviewband „Ein politisches Leben“ stellt Daniel Defert, den Lebensgefährten von Michel Foucault und Gründer der französischen Aidshilfe AIDES, vor

Bodo Niendel

Das im vergangenen Jahr erschienene Interviewbuch mit dem Soziologen Daniel Defert entdeckt einen Mann, der stets im Schatten seiner fast ein Vierteljahrhundert währenden Liebe zu dem Philosophen Michel Foucault.

Defert ist im deutschen Sprachraum durch die Herausgabe der Vorlesungen und nachgelassenen Schriften Foucaults bekannt. Seine umfangreichen Gespräche mit Philippe Artières und Éric Favereau, die im Merve-Verlag in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Ein politisches Leben“ erschienen sind, legen die Lebenswege des heute 80-Jährigen frei.

Daniel Defert lernte Michel Foucault 1960 an der Universität kennen. Der zehn Jahre ältere Philosoph war bereits im Alter von dreißig Jahren eine intellektuelle Institution. Doch nicht die Universität stand im Fokus – das Paar beschäftigte sich mit Klassenkampf, Menschenrechten, dem Engagement gegen den Algerienkrieg sowie gegen Rassismus. In den Siebzigerjahren war Defert Maoist und Militanter, er kam selbst aus dem marxistischen Arbeitermilieu.

Das schwule Paar engagierte sich auch für die Menschenrechte von Gefangenen. Beide wurden mehrmals verhaftet, kamen aber nach kurzer Zeit wieder frei. Sie gründeten die „Groupe d’information sur les prisons“ (GIP), die den Gefangenen eine Stimme gab – nicht zuletzt eine intellektuelle. Foucault verfasste in der Folge die wohl bis heute brillanteste Gefängniskritik, das Buch „Überwachen und Strafen.“ Die Gruppe zerbrach allerdings nach nur wenigen Jahren, doch die Arbeit von GIP humanisierte die Gefängnisse in Frankreich grundlegend.

Michel Foucault war 1984 eines der ersten prominenten Opfer der noch neuen Krankheit Aids. Defert hatte gelernt, wie man durch zivilgesellschaftliches Engagement Dinge in Bewegung setzte, und er hatte Zugang zu staatlichen Stellen in der sozialistisch-kommunistischen Regierung unter Mitterand. Er gründete die Organisation AIDES, das französische Pendant zur Deutschen Aids-Hilfe.

Der Kampf gegen Aids verband sich mit einem neuen Umgang mit Sexualität: „Ich selbst habe nie gedacht, dass Sexualität eine Privatsache ist. Ich habe bei AIDES immer unterstützt, dass jegliche Sexualität öffentlich gemacht wird: Hochzeiten, (legitime und illegitime) Geburten, Keuschheit, Krankheiten, Skandale – es gibt immer einen öffentlichen Ausweg.“

Die für schwule Männer so grausame Krankheit war für Defert zugleich ein Moment, das Möglichkeiten schuf: „Die Aids-Epidemie war die Gelegenheit und die Grundlage für eine weltweite Verbreitung dessen, was Foucault eine ‘Form der Subjektivierung’ nennt.“ So schlimm Aids war, so entstand durch den Kampf von AIDES zugleich eine starke und selbstbewusste Stimme für queere Lebenswelten.

Doch AIDES professionalisierte die Arbeit, und mit dem staatlichen Geld traten Konflikte auf. Auch die Ausrichtung – eher medizinisch oder eher Betroffenenperspektive – war umstritten. Defert schied später im Streit aus, denn „sie wollten den Schandfleck Homosexualität aus der Organisation ausradieren“.

Von Anfang an wurde die neue Emanzipationsbewegung – und die Arbeit von AIDES – von Frankreichs Rechtsextremen bekämpft. Der Front National unter Jean-Marie Le Pen prägte das Wort „sidaiques“, ein Kunstwort, das auch an „judaique“ (jüdisch) und „siphulitique“ (syphilitisch) erinnerte. Eine widerwärtige antisemitische Beschimpfung. Doch der beschrittene Weg ließ sich nicht mehr aufhalten. Später sollte die Kombinationstherapie ab 1997 endlich den Infizierten eine Lebensperspektive verschaffen.

Für Daniel Defert waren es immer gemeinsame Kämpfe, Kämpfe der Arbeiterklasse, Kämpfe der Heroinabhängigen für Druckräume, Kämpfe der HIV-infizierten afrikanischen Frauen in Frankreich für ihre Rechte und der Kampf für schwule Emanzipation: „AIDES zu gründen, war für mich eine Weise, mit Foucault zusammenzubleiben, weil wir zusammen gekämpft haben.“

Die von Defert nach Foucaults Tod herausgegebenen Schriften sind ein Meilenstein für die Etablierung der Gender und Queer Studies geworden. Die Texte seines 1984 gestorbenen Lebenspartners werden von vielen Aids-Organisationen weltweit zur Legitimierung ihrer Arbeit herangezogen.

„Ein politisches Leben“ ist ein starkes, ein kämpferisches, ein wunderbares Buch. Dieser alte Mann ist ein Held.

Daniel Defert: Ein politisches Leben. Gespräche mit Philippe Artières und Éric Favereau. Übersetzt von Ronald Voullié. 240 Seiten. Merve Verlag. Berlin 2015. 20 €.

 

Bodo Niendel, Referent für Queerpolitik der Bundestagsfraktion DIE LINKE. Die Rezension erschien zuerst auf queer.de

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