Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)
23.03.2017

Wirklicher Klassenkampf statt Angriff auf die Errungenschaften von `68

Wider die trivialisierende Interpretation von Eribons Rückkehr nach Reims

Katja Kipping

Nicht nur in linken Debatten wird er zur  Zeit sehr oft zitiert und als Kronzeuge angeführt: Didier Eribon, der Autor des Buches „Rückkehr nach Reims“. Auch Linke, die jahrelang Begriffe wie Klassenkampf scheuten, rufen nun mahnend zu einer Orientierung auf „DIE Arbeiter“ auf. Schließlich könne man ja bei Eribon nachlesen, dass die Entfernung der Linken von „DEN Arbeitern“ dem Front National Wähler zutreibt. Nun ist eine stärkere Auseinandersetzung mit Klassenfragen durchaus zu begrüßen. Nur leider hat diese neue Orientierung auf „DIE Arbeiter“ oft etwas Vorgeschobenes. So richten sich die Affekte einiger Vertreter weniger gegen die andere Klasse, gegen die Superreichen und Konzerne, sondern eher gegen Feminismus, Antirassismus und Umweltschutz. Ich spreche deshalb auch von einem neuen Anti-Feminismus und Anti-Ökologismus mit vorgeschobenem Bezug auf „DIE Arbeiter“.

Wenn die neue Rückbesinnung auf die Arbeiterklasse nun in einer stärkeren Konfliktbereitschaft gegenüber den Herrschenden münden würde, zu mehr Leidenschaft beim Eintreten für grundlegende Alternativen oder zu mehr Engagement bei Gesprächsoffensiven in Betrieben und Haustürbesuchen in ärmeren Stadtteilen führte, würde ich mich darüber sehr freuen. Doch wundersamer Weise nimmt auch in der gesellschaftlichen Linken so mancher die Besinnung auf „DIE Arbeiter“ nur zum Anlass, um so ziemlich alles in Frage zu stellen, was von der gesellschaftlichen Linken spätesten mit 1968 erkämpft wurde.

Um es plastisch zu machen: Einer, dem die Ökos kulturell schon immer suspekt waren, verkündet nun, man solle sich nicht mehr für Radverkehr einsetzen, das würde die Arbeiter verprellen. Und andere, die sich noch nie für den Kampf gegen das Patriarchat begeistern konnten, meinen nun, feministischen Kämpfen nicht einmal mehr die Funktion als Nebenwiderspruch zuzugestehen. Da sich alles aus dem Klassenwiderspruch ableite, sei der Antirassismus oder der Feminismus am Ende Verrat am Klassenkampf. Ich meine jedoch, wir müssen Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus gleichermaßen bekämpfen und überwinden.

Arbeiterklasse in ihrer Vielfalt begreifen

Das Tragische ist, dass ein an sich richtiger Impuls, die Klassenfrage stark zu machen, mit einer zunehmend weniger verhohlenen Abneigung gegen Freiheitsrechte, Ökologie und Feminismus verbunden wird. Wenn es nicht so tragisch wäre, könnten wir uns herzlich darüber amüsieren, wie einige ihre eigenen soziokulturellen Antipathien ausleben und sich dabei argumentativ hinter „DEN Arbeitern“ verstecken. Dass die Arbeiterschaft nicht so homogen ist, wie sie sie imaginieren, ficht sie dabei nicht an.

Schauen wir uns doch die wirkliche Arbeiterschaft in ihrer Zusammensetzung an. Ich meine, zur Arbeiterklasse gehören all jene, die ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen müssen, um leben zu können. Das heißt Kernbelegschaft ebenso wie Menschen mit unsicherer, prekärer Arbeit, also z.B. Befristete, Leiharbeitende, Minijobbende. Aber auch Soloselbstständige und Erwerbslose haben nur ihre Arbeitskraft als Ware. Das Band der Klassensolidarität sollte sich also von den Beschäftigten, über Prekäre und Erwerbslose bis zu den Soloselbstständigen ziehen. Oft wird ein am Fließband stehender Arbeiter beim Sprechen über„ DIE Arbeiter“ imaginiert. Doch die Beschäftigten in der industriellen Fertigung sind nur ein Teil der Arbeiterschaft. Zudem einer, der in Folge von technischem Fortschritt abnimmt. Tätigkeiten im Pflegebereich, in der Care-Arbeit, sprich Arbeit am und mit Menschen bzw. immaterielle Arbeit, Arbeit am Laptop, kurzum Wissensproduktion und Kommunikationsarbeit machen einen wachsenden Teil der Arbeiterschaft aus. So hat die Zahl der Arbeitenden im Pflegebereich die in der Automobilindustrie bereits weit überholt[1]. Wer „DIE Arbeiter“ nur als Projektionsfläche für seine eigenen soziokulturellen Ressentiments nimmt, den braucht das nicht zu interessieren. Dem reicht es, sich beim Aussprechen der eigenen Ressentiments einfach einen Arbeiter zu imaginieren, dem man dann auch noch die eigenen Aversionen unterschieben kann. Wer es jedoch ernst meint mit der Klassenorientierung und der Arbeiter*innenschaft, der muss sich mit ihrer tatsächlichen, vielschichtigen Zusammensetzung und deren Wandlungen ernsthaft auseinandersetzen. Der weiß darum, dass die Wachstumsbranche Pflege die Automobilindustrie überholt hat, also die Pflege in Deutschland inzwischen mehr Jobs bietet als Mercedes, VW, Opel & Co.

Eribons Buch gibt mehr her

All die trivialisierenden Interpretationen von Didier Eribon sollten einen aber nicht davon abhalten, dieses Buch zu lesen und am besten es gleich noch einmal zu lesen. Denn: „Rückkehr nach Reims“ nimmt einen nicht nur mit auf eine berührende Reise zur Wiederaufnahme eines Gespräches zwischen Mutter und Sohn nach Jahren des Schweigens. Es veranschaulicht autobiografisch geerdet, wie wirkungsmächtig nicht nur die offensichtlichen materiellen Unterschiede, sondern auch die „feinen Unterschiede“ sind, von denen Pierre Bourdieu bereits schrieb. Es wird deutlich, um wie viel größer die Anstrengungen eines Jungen aus einfachen Verhältnissen ausfallen mussten, um seinen Bildungsweg zu gehen. Das alles ist zugegeben nicht neu, aber bei Eribon sehr anschaulich und eindrucksvoll beschrieben.

Die wirkliche Erkenntnis dieses Buches liegt für mich an anderer Stelle. In der Mitte des Buches reflektiert der Autor, wie der Gegensatz von „uns hier unten“ und „denen da oben“ bzw. von Arbeiter und Bourgeois auf die nationale bzw. ethnische Dimension verschoben wurde. Aus „Wir Arbeiter“ wurde „Wir Franzosen“. Und angesichts dieser wachsenden Bedeutung der ethnischen Unterscheidung verblasste in der Wahrnehmung die Klassenauseinandersetzung. Und hier können wir wirklich etwas aus den Fehlern der Linken in Frankreich lernen. Wie beschreibt Eribon doch so treffend:

„Indem man jedoch die Vorstellung konfligierender sozialer Gruppen aus dem Vokabular der Linken tilgte, glaubte man den Wählern damit auch die Möglichkeit einer von gemeinsamen Sorgen, Interessen und politischen Zielen bestimmten Gruppenidentifikation zu nehmen. (…) Man hat diese Wähler zur Ohnmacht verurteilt, indem man die strukturierende Annahme eines sozialen Konfliktes, in dem die Linke die Forderungen der Arbeiter vertritt, fallenließ (…) und das Ergebnis hat nicht lange auf sich warten lassen. Die Gruppe hat sich neu formiert.“ (S. 125-126)

Und nun, nachdem „die spontane Wahrnehmung der Welt als Gegensatz zwischen „den Franzosen“ und „den Ausländern“ erst einmal in der politisch-medialen Sphäre angekommen war, konnten diese Kategorien mit umso größerer Selbstverständlichkeit in Gespräche im Familienkreis eindringen, in banalste Wortwechsel beim Einkaufen, auf der Straße, in der Fabrik.“ (S. 137)

Kurzum gerade aus den Erfahrungen in Frankreich lernen wir, dass es am Ende nur die Rechten stärkt, wenn die Linke ethnische bzw. nationale Anrufungen übernimmt. Wir sollten also niemals in den Kategorien „Wir Deutsche“ gegen „Die Ausländer/Flüchtlinge“ denken und argumentieren. Aufgabe der gesellschaftlichen und parteipolitischen Linken ist es vielmehr, immer wieder die sozialen bzw. ökonomischen Konfliktlinien zu betonen und dabei klar Partei zu beziehen auf Seiten derjenigen, die ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen müssen, um leben zu können. Als Linke müssen wir das Verbindende – ihre gemeinsamen sozialen Interessen – in den Vordergrund stellen. Wer hingegen Didier Eribon zum Kronzeugen für einen Angriff auf die 68er Errungenschaften machen will, argumentiert an dessen Werk komplett vorbei.

 

 

[1] (Gesundheits- und Krankenpflege, Rettungsdienst und Geburtshilfe = 1.027.000 und Altenpflege 543.000, Quelle: Statistisches Bundesamt, 2014 https://www.destatis.de/.../Tabellen/Beschaeftigte.html; Automobilindustrie: 785.200, Quelle: VDA, Verband der Automobilindustrie, November 2014 https://www.vda.de/.../zahlen-und-daten-uebersicht.html).

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Kommentare

  • Das Problem liegt aber woanders

    Kommentar von Ralf Krämer
    geschrieben am 24. Mär 2017 00:13

    "Aufgabe der gesellschaftlichen und parteipolitischen Linken ist es vielmehr, immer wieder die sozialen bzw. ökonomischen Konfliktlinien zu betonen und dabei klar Partei zu beziehen auf Seiten derjenigen, die ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen müssen, um leben zu können. Als Linke müssen wir das Verbindende – ihre gemeinsamen sozialen Interessen – in den Vordergrund stellen." Dem stimme ich völlig zu. Dass nun aber in der Linken viele Eribon nehmen würden, um damit gegen Freiheitsrechte, Ökologie und Feminismus vorzugehen, halte ich für einen Popanz. Zutreffender scheint mir zu sein, dass viele sich als links verstehende in ihrem (berechtigten) Kampf für Freiheitsrechte, Ökologie und Femismus den Einsatz für die Interessen der Lohnarbeitenden und das Verbindende der gemeinsamen sozialen Interessen vernachlässigt haben oder sogar sich mehr oder weniger offen für etwas besseres als die spießigen realen Lohnarbeitenden halten oder die og. Kämpfe gegen oder über die für die sozialen Interessen der Arbeitenden gestellt haben. Einer solchen Fehlorientierung muss im Sinne des oben zitierten Satzes von Katja Kipping entgegengetreten werden. Das scheint mir eine relevantere Aufgabe zu sein als die von ihr angesprochene, deren Objekt ich in der Linken kaum sehe (und außerhalb der Linken interessieren sich wenige für Eribon).

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