Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)
13.09.2017

Gegen den moralischen Rigorismus

Schluss mit Nabelschau und Beißreflexen. Ein Debattenbeitrag.

Bodo Niendel

Die Diskussion über den Sammelband „Beißreflexe“ von Patsy l'Amour laLove gipfelte jüngst in einem Feuilleton-Battle zwischen Alice Schwarzer und Judith Butler. Das erinnerte teilweise an Sketche von Monty Python.

„Beißreflexe“ ist mittlerweile eines der meistverkauften queeren Sachbücher der letzten Jahre. Der Berliner Querverlag muss bald die vierte Auflage drucken lassen. Offenbar hat das Buch einen Nerv getroffen. Die Emotionen kochen hoch, die Reaktionen auf das Buch reichen von Euphorie bis hin zu aggressiver Ablehnung.

Der Band ist eine Abrechnung mit einigen Auswüchsen der von Judith Butler maßgeblich mitgeprägten Queer-Theorie. Die zum Teil sehr kurzen und oft mit sehr spitzer Feder verfassten Beiträge prangern queere Sprechverbote und die fehlende Auseinandersetzung mit dem Islam sowie latenten bis offenem Antisemitismus an. Die AutorInnen kritisieren darüber hinaus einen moralischen Rigorismus, der in eine quasireligiöse Introspektion kippe. Wenn man von einzelnen (nicht nur sprachlichen) Entgleisungen absieht – wozu leider auch der in der Zeitschrift EMMA leicht verändert abgedruckte Beitrag von Vojin Saša Vukadinovic gehört — benennen die Autor_innen tatsächlich kritikwürdige Aspekte heutiger queerer Theorie und Praxis.

Butler vs Schwarzer

Die Philosophin Judith Butler antwortete in der „Zeit“ zusammen mit der deutschen Queertheoretikerin Sabine Hark. Unter der Überschrift „Die Verleumdung“ kritisieren sie zu Recht den polemischen Stil und die schablonenartige Generalabrechnung mit den Queer- und Gender Studies und holen dann zum Gegenschlag aus, der sich dann ebenfalls undifferenziert auf den gesamten Sammelband bezieht: „Um der Zuschaustellung eigener moralischer Überlegenheit willen bedienen sich die Autoren einer Strategie, die – mit für den gesellschaftlichen Zusammenhang fatalen Folgen – zu Prozessen der Entsolidarisierung beiträgt.“

Doch Butler/Hark legen noch einen drauf und werfen der EMMA vor, einen Identitäts-Feminismus zu vertreten, „der kein Problem mit Rassismus hat.“ Damit spielen sie auf die in ihren Augen rassistische Interpretation der Kölner Silvesternacht durch die Frauenzeitschrift an. „EMMA“ und „Beißreflexe“ würden in einer „narzisstischen Verkennung“ gesellschaftliche Realitäten negieren. Harter Tobak, die Antwort der EMMA-Herausgeberin Alice Schwarzer ließ nicht lange auf sich warten. Sie wehrte sich im selben Blatt unter der Überschrift „Der Rufmord“ gegen den Rassismusvorwurf und konterte, dass man Rassismus nicht gegen Sexismus und Homophobie ausspielen dürfe. Man müsse die Männlichkeitsbilder von muslimischen Flüchtlingen und reale Gewalt, die von ihnen ausgehe, benennen.

Dies zu verkennen wie dies angeblich Butler und Hark täten, wäre selbst rassistisch, da es alle Muslime in eine „Zwangsgemeinschaft mit diesen entwurzelten, fanatisierten Männern“ nehme. Schwarzer spricht weiter von „sektiererischen Butlerschen Denkkonstrukten“ und garniert dies mit der antiintellektuelle Ressentiments bedienenden Bezeichnung Butlers als „Berufs-Denkerin“. Kurzum: eine Schlammschlacht vom Feinsten.

Was hat das bloß mit uns zu tun?

Sehr viel. Die Debatte zwischen den Feministinnen Alice Schwarzer und Judith Butler steht synonym für Auseinandersetzungen innerhalb der LGBTI-Community. Der seit Jahrzehnten quälende und mal mehr und mal weniger auflodernde Streit zwischen einer Bürgerrechtspolitik und einer grundsätzlichen Gesellschaftskritik prägte unsere lockere

Ob Feminismus oder lesbisch-schwule Bürgerrechtspolitik – beide Ansätze gehen von einer „Single Issue“-Politik aus, so die linken Kritik_innen. Der „Single Issue“-Vorwurf bedeutet, dass man Probleme nur aus eigener Betroffenheit wahrnähme und sich im politischen Raum nur auf eine Politik um rechtliche und juristische Anerkennung bemühe. Butler führte dazu in einem „Zeit“-Interview aus: „Ich verstehe nicht, wieso Lesben und Schwule sich für die Ehe für alle so verkämpft haben.“

Der Bürgerrechtspolitik-Vorwurf impliziert neben der Verkürzung auf Rechtspolitik ein klassenpolitisches Engagement für die privilegierten Bürger. Doch dieser Vorwurf greift zu kurz. So unterschied Karl Marx zwischen dem Bürger als Bourgeois und als Citoyen. Der Bürger als Bourgeois ist durch den mittelbaren Besitz an Produktionsmitteln (er verfügt damit über Kapital) und als Citoyen durch seine Zugehörigkeit zum Nationalstaat gekennzeichnet.

Wenn nun der LSVD für die Ehe für alle streitet, wie zuvor für die Lebenspartnerschaft, dann geht es eben auch darum, ob in einer binationalen Partnerschaft der Partner ein Bleiberecht hat oder nicht. Wenn die Bundesvereinigung Trans* für ein neues, rechtlich den Menschenrechten angepasstes Transsexuellengesetz streitet, dann ist dies ein Kampf um gleiche Rechte als Staatsbürger, eben ein Kampf um Staatsbürgerlichkeit. Es geht um die Rechte als Citoyen.

„Bürgerliche“ queere Politikansätze haben gerade in jüngster Zeit große Erfolge gefeiert. Die Ehe für alle und die Rehabilitierung und Entschädigung der Verfolgten nach Paragraf 175 waren mehr als Punktsiege. Sie helfen ganz konkreten Menschen. Auch bürgerliche Politik hat über den eigenen Horizont geschaut. Das Engagement für Geflüchtete in der sogenannten Flüchtlingskrise, die Mobilisierung gegen Pegida und ihre Ableger wurde eben auch von vielen „Bürgerlichen“ des LSVD mitgetragen.

Diese Beispiele zeugen davon, dass juristische Kämpfe oder Kämpfe um das Recht eben auch grundsätzliche Kämpfe um die Zugehörigkeit zur Gesellschaft sind. Der Vorwurf der „Bürgerlichkeit“ verkennt dies.

Verschiedene Ansätze waren erfolgreich

Dennoch hat auch der Queer-Ansatz große Verdienste. Auch wenn Butler im „Zeit“-Interview von den weiterhin hohen Verkaufszahlen ihres Buchs „Gender-Trouble“ schwärmt, so dürfte sich das Verständnis über die philosophischen Auseinandersetzungen mit Lacan, Althusser, Heidegger und Derrida bei den meisten Lesern doch sehr in Grenzen halten. Aber, und dies ist das Entscheidende, der Queer-Ansatz hat an den Universitäten Brücken zu anderen Fachdisziplinen geschlagen. Er hat die Vorstellung von der „Natürlichkeit“ der Kategorie Geschlecht hinterfragt und die Heterosexualität als vermeintlich einzige Möglichkeit in der westlichen Kultur infrage gestellt.

Queere Politiken haben Bündnisse ermöglicht. Seitdem werden vermehrt die Gemeinsamkeiten von lesbischen, schwulen, inter- und transgeschlechtlichen Politiken gesucht. Queer war für die Wissenschaftslandschaft, aber auch für die Politik der Community, ein Paradigmenwechsel.

Allerdings hat der Queer-Ansatz nur eine bestimmte Reichweite zur Erklärung von Gesellschaft. Er ist nicht mit kritischen Einsichten, die Theorienentwürfe, wie sie die Systemtheorie Luhmanns, die Machttheorie Michel Foucaults, die Kritische Theorie Theodor W. Adornos oder die Gesellschaftskritik von Karl Marx ermöglichen, vergleichbar. Ich unterstelle: Im Wissen um die eigene Begrenztheit des Ansatzes flüchtete sich Judith Butler in ethische Positionen, und Aktivist_innen, die ihr folgten, forcierten eine Politik der moralischen Rigorosität.

Politik oder Sekte?

Hier kam es zu etlichen Verirrungen. Die Fokussierung auf Rassismus scheint dabei zu einer Art neuem Hauptwiderspruch zu werden. Migranten sollen eine Art revolutionäres Subjekt sein, so wie es der frühe Marx für das Proletariat vorsah. Butlers Engagement für die Gruppe „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS), eine Gruppe die zum Boykott von Waren aus Israel aufruft, steht hierbei besonders in der Kritik. Die jüdische Philosophin Butler sieht nicht, dass solche Politiken nicht nur in Deutschland auf einen fruchtbaren Boden des Antisemitismus stoßen. Israelkritik ist nicht nur in Deutschland eben häufig die andere Seite der Medaille des Antisemitismus.

Wenn queere Aktivist_innen wie der Kreuzberger CSD dies in der inhaltlichen Schwerpunktsetzung von „Pinkwashing“ nachahmen, so reproduzieren sie diesen Antisemitismus. Wenn problematische Konzepte von Männlichkeit oder Gewalttaten dethematisiert werden, weil Muslime sie vertreten bzw. begehen, machen sich emanzipatorische Bewegungen unglaubwürdig. Im Unterschied zur rassistischen Rechten, gilt es allerdings zu differenzieren und auch soziale Ursachen zu benennen, statt diese zu naturalisieren.

Immer und stets alle möglichen Unterdrückungsverhältnisse gleichzeitig anzugehen, wie es der von queeren Aktivist_innen favorisierte Intersektionalitäts-Ansatz nahelegt, ist eine komplette Überforderung und kippt in die von Patsy l'Amour laLove benannte moralische Rigorismus.

Dies alles hat der Sammelband von Patsy l'Amour laLove zu Recht hervorgehoben. Doch die Autor_innen kippen das Kind mit dem Bade aus. Sie gehen nicht auf die Errungenschaften der Queer-Theorie ein und verharren in einer Binnensicht, die sie eigentlich ihren Kontrahentinnen vorwerfen.

Erfolge müssen gemeinsam verteidigt werden

Vor dem drohenden Einzug einer rechtspopulistischen Partei in den Deutschen Bundestag, mit starken rassistischen und antisemitischen Zügen, und mit dem von ihr getragenen Angriff auf Grundrechte, können wir uns diese Binnenperspektive nicht leisten. Die neue extreme Rechte hat das Zeug, die Demokratie zu gefährden. Selbst wenn sie keine Mehrheiten erlangt, verändert sie die Politiken und hat Einfluss auf andere Parteien. So nahm die CSU bereits den Kampf gegen „Frühsexualisierung“ in ihr Wahlprogramm auf und propagiert damit offen Diskriminierung. Wie seit Jahrzehnten nicht mehr bläst uns der Wind ins Gesicht. Die gerade errungenen Erfolge könnten von kurzer Dauer sein.

Ich habe hier vieles nur angedeutet, aber es geht um einen notwendigen Perspektivwechsel der queeren Bewegung, der die Gesellschaft wieder in den Blick nimmt. Im Rahmen dieser Demokratie haben viele von uns in harten Auseinandersetzungen Rechte errungen. Viele Rechte gilt es noch weiter zu erstreiten: ein neues Transsexuellengesetz, keine Operationen an intersexuellen Kindern, ein Recht auf eine diskriminierungsfreie Schule und Kita und vieles mehr. Aber dies müssen wir wieder lernen, auch in einfachen Worten zu erklären und zu vermitteln – Fachtermina wie LSBTTIQ* sind dabei nicht immer hilfreich.

Es geht darum, dass eine offene und liberale Gesellschaft mehr Rechte und Möglichkeiten für alle Menschen bedeutet. Ein „reiner“ Bürgerrechts-/Identitätsansatz oder ein „reiner“ Queer-Ansatz hilft uns nicht weiter. Wir sollten Unterschiede in den Politiken akzeptieren und für ein mehr an Demokratie, an Bürgerrechten und an sozialer Teilhabe für alle streiten. Den Rechtsruck bekommen wir nur in Bündnissen mit anderen gesellschaftlichen Gruppen und einer Offenheit in der Unterschiedlichkeit zurückgedrängt. Es geht um viel.

Bodo Niendel, Referent für Queerpolitik der Bundestagsfraktion DIE LINKE. Der Artikel erschien zuerst auf queer.de.

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