Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)
21.06.2010

Zwei Neuerscheinungen zur Geschichte der KPÖ

Rezension: Walter Baier: Das kurze Jahrhundert. Kommunismus in Österreich. KPÖ 1918 bis 2008; Edition Steinbauer: Wien 2009. 22,50 EUR; Manfred Mugrauer (Hg.) 90 Jahre KPÖ. Studien zur Geschichte der KPÖ; Verl. A. Klahr Gesellschaft: Wien 2009, 15 EUR

Bernd Hüttner

Baier geht chronologisch vor und referiert die wesentlichen Stationen der Parteientwicklung. Die Vorgeschichte der Gründung und die Gründung selbst sind davon geprägt, dass die Aufbaujahre mühsam sind, so hatte die KPÖ 1934 gerade einmal 16000 Mitglieder. Danach werden zwei Komplexe vertieft. Das ist zum einen die Leistung der KPÖ im antifaschistischen Widerstandskampf in Österreich und in Europa. Zum anderen referiert Baier ausführlich die Bedeutung des Stalinismus für die Schwächen und Fehler der Arbeit der Partei und gibt sich damit als erneuerter Sozialist zu erkennen. Er schildert, wie österreichische KommunistInnen in der Sowjetunion verfolgt wurden und die Abhängigkeit von der Sowjetunion die Entwicklungschancen der Partei im neutralen Österreich begrenzten. Nach 1945, so die These Baiers, gab es innerhalb der KPÖ zwei – sich womöglich sogar gegenseitig ausschließende - Tendenzen. Die eine war die „stalinistische“, die vor allem von Aktiven geprägt wurde, die in der Sowjetunion im Exil gewesen waren, die andere, eher demokratisch-sozialistische, von denjenigen, die ihre Emigration in westlichen Ländern verbracht hatten. Dieser auch in der kommunistische Bewegung weltweit existierende Widerspruch sei, so Baier, der Schlüssel zur Erklärung des Niedergangs der KPÖ nach 1945. Zum Kulminations- wenn nicht Endpunkt des Konfliktes wurde die Interpretation des Prager Frühlings. Da die KPÖ dem Einmarsch der Sowjetunion im Nachbarland schlussendlich zustimmte, verlor die KPÖ nach 1968 ein Drittel ihrer Mitglieder und die Mehrzahl der ihr damals nahe stehenden Intellektuellen.

Dank umfangreicher Spenden aus den Erträgen von Firmen, deren Inhaber der KPÖ nahe standen, und die z.B. den Handel der verstaatlichen österreichischen Firmen mit der DDR organisierten. Dadurch konnte die KPÖ einen umfangreichenn Apparat – so verfügte sie 1980 über 300 Hauptamtliche - und ein ebensolches Publikationswesenaufrecht erhalten.. Die Tageszeitung „Volksstimme wurde schließlich erst 1991 eingestellt. Dritter Schwerpunkt ist die schwere Finanzkrise, in die die Partei geriet, durch das Ende der DDR einerseits und die schlussendlich erfolgreichen Anstrengungen der Bundesrepublik Deutschland Anfang der 1990er Jahre SED-Vermögen im Ausland einzutreiben.

Baiers Monographie ist ein gut lesbares Buch, das die Memoirenliteratur von aus der KPÖ ausgetretenen oder ausgeschlossenen Kommunisten, wie etwa Ernst Fischer oder Leopold Spira, fortsetzt. Die Phase, in der der Autor selbst Vorsitzender war.

Einen Eindruck von der zeitgenössischen Hausgeschichtsschreibung der KPÖ vermittelt der von Manfred Mugrauer, dem wissenschaftlichen Sekretär der Alfred Klahr Gesellschaft (AKG) herausgegebene Sammelband. Die AKG verwaltet das Archiv der KPÖ. Der Band enthält 16 Beiträge unterschiedlichster Qualität und ist zum einen der Protokollband einer Konferenz der AKG aus Anlass des 90. Jahrestages der Gründung der KPÖ, wie auch Anlass einige Spezialstudien zu publizieren. Den Auftakt bilden vier kurze Aufsätze, die jeweils einen Zeitraum von ungefähr 20 bis 25 Jahren behandeln und die Organisationsgeschichte referieren. Danach folgen die Einzelstudien, etwa zur Agrarpolitik oder zur Theaterarbeit der KPÖ, zum kommunistischen Widerstand in der Steiermark gegen den Nationalsozialismus oder zur Frühgeschichte der KPÖ 1918/19. Ein umfangreicher Beitrag von Mugrauer zur krisenhaften Geschichte der KPÖ 1968 bis 1971 ist merkwürdigerweise hier platziert. Er erzählt die Ereignisse minutiös und mit Quellen versehen nach und endet in der These, dass die damalige Basis der KPÖ einem demokratischen Reformkurs seiner Führung nicht gefolgt wäre. Den Abschluss des Bandes bilden kurze Aufsätze zu „Politikfeldern“, die meist von altgedienten Parteiaktiven verfasst und eher mühsam zu lesen sind.

Beide Bücher argumentieren vorrangig ereignis- und politikgeschichtlich, Mentalitäten oder generationelle Prägungen werden nur bei Baier erwähnt. Dessen Buch erscheint politisch zeitgemäßer, während das von Mugrauer in weiten Strecken detaillierter ist.

Bernd Hüttner

Bernd Hüttner

Politikwissenschaftler, Regionalmitarbeiter Bremen der Rosa Luxemburg Stiftung.

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