Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)
17.08.2010

„Genossinnen und Genossen, was haben wir noch mit der DDR zu schaffen?“

Rezension: Jörn Schütrumpf; Freiheiten ohne Freiheit – Die DDR – historische Tiefendimensionen; Karl Dietz Verlag Berlin 2010; 143 Seiten; 14,90 Euro

Wilfried Gaum

Das vorliegende Buch ist empfehlenswert, weil es einen wichtigen Beitrag zu einer Historisierung der DDR und einer Phase der sozialen Bewegungen , die wir als Arbeiterbewegung kennen, leistet. Schütrumpf setzt sich dabei gründlich mit der durch den deutschen Obrigkeitsstaat massiv geprägten Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung auseinander, stellt schon für die Zeit vor 1914 das Abrücken ihrer Organisationen von einem wie auch immer gearteten Sozialismus fest und schlägt einen weiten, auch durch Detailbeobachtungen angereicherten Bogen zur Gründung und Geschichte der DDR her. „Nach dreißig Jahren, immer wieder unterbrochener, Forschungen zur DDR scheint es mir an der Zeit, mit dem Thema endlich abzuschließen – ohne mich um eine Bilanz zu drücken.“

Dabei geraten die Klassen und Milieus der deutschen Gesellschaft nie aus dem Blick, oft genug werden Näherungen an die Mikrophysik der Macht geleistet, ohne denunziatorisch zu werden, kann Schütrumpf Motive und Deformationen präzise und anschaulich beschrieben, scheint sein enormes Faktenwissen auf – das doch nie trocken und überheblich daherkommt. Man glaubt Schütrumpf, dass er an dem Scheitern der Emanzipationsbewegungen in Deutschland leidet, man spürt seine Verachtung und seinen Groll über mediokre Gestalten wie Noske, Ebert, Ulbricht, Honecker und Mielke und spürt dabei aber auch, dass seine eigentliche Frage sein dürfte: weshalb hat die deutsche Arbeiterbewegung solche Apparatschiks an ihre Spitze gelassen, weshalb ist es nach der Ermordung Liebknechts und Luxemburgs mit Billigung der damaligen SPD-Spitze nicht gelungen, eine nicht durch Kominterngelder und UdSSR-Hörigkeit blockierte Alternative herauszubilden? Die verhängnisvolle Weichenstellung hin zu der nach 1933 folgenden Katastrophe sieht er darin, dass die große Mehrheit in den Organisationen der Arbeiterbewegung die Öffnung der bürgerlichen Gesellschaft für die individualisierten Ansprüche der Aufsteiger aus der Arbeiterschaft faktisch theoretisierte zu einem möglichen Hineinwachsen in den Sozialismus. Dem hatte die emanzipatorische Linke nichts entgegenzusetzen, auch weil sie an die Stelle einer präzisen Klassen- und Milieuanalyse ihre Erkenntnisfähigkeit durch einen Verratsvorwurf gegenüber den Spitzen der SPD und Generalkommission ersetzte. Im Grunde war sie nicht in der Lage zu verstehen, weshalb sich die übergroße Mehrheit der Arbeiterschaft nach dem 3. August 1914 für den Krieg und für den Chauvinismus entschied.

Die Revolution 1918/19 war dann nach Schütrumps Erkenntnissen auch keine, die im Kern die Überwindung eines mörderischen kapitalistischen Systems zum Ziel gehabt hat, sondern die einfach den Krieg beenden und ein Mindestmaß an Ordnung schaffen sollte. Die aktivistischen linken Minderheiten von KPD und KAPD verkannten auch dies und konnten sich mental nicht auf eine deutsche Republik einlassen, die auf der Grundlage eines blutbesudelten Bündnis von Reichswehr und Ebert-Noske entstanden war. Sie phantasierten sich an Stelle dessen ein idealisiertes Sowjetrußland als „konkrete Utopie“ herbei, dass mit den realen Kampfbedingungen Deutschlands wenig zu tun hatte und durch eine kominternfinanzierte KPD eine Schicht von Opportunisten, Verbalrevolutionären und Apparatschiks erzeugte. Schütrumpf beschreibt diese Entwicklung mit einer erschütternden Nüchternheit und Klarheit.

Dazu gehört auch die Befassung mit der Verstrickung großer Teile der deutschen Arbeiterschaft in das Mordregime der Nazis. Große Teile der Arbeiterschaft wurden in die sozialen Strategien der Nazis verstrickt, konnten im Krieg gegenüber den „Fremdarbeitern“ den Herrenmenschen spielen bzw. in den besetzten Ländern sich individuell auf Kosten der einheimischen Bevölkerung bereichern. Wie hätte es auf der Grundlage dieser faktischen und moralischen Korruption möglich sein sollen, nach dem Krieg in aller Unschuld mit diesen Menschen eine Gesellschaft der Freien und Gleichen aufzubauen? Schütrumpf konzentriert sich im zweiten Teil seiner Arbeit auf die Entwicklung und Geschichte der DDR. Er beschreibt die verschiedenen Fraktionen in der KPD und ihre Kämpfe, die die stalinistische Apparatfraktion um Ulbricht nicht nur gestützt durch die russische Besatzungsmacht sondern auch die in den Antifaschulen der in der UdSSR umerzogenen nationalsozialistisch indoktrinierten Kriegsgefangenen recht bald für sich entschied. Er beschreibt die systematische Entwaffnung und Entmündigung der mehrheitlich an sozialdemokratischen Vorstellungen orientierten Arbeiter.

Die Juni-Insurrektion dieser ostdeutschen Arbeiterbewegung im Juni 1953 nimmt in gewisser Weise den Klassenkompromiss vorweg, der nach dem Mauerbau 1961 novelliert wird: wenn schon keine politische und gewerkschaftliche Freiheit, dann zumindest soziale Freiheiten (S. 96): „Die Arbeiterschaft bekam auch etwas mehr als nur Wechselgeld heraus: Im Tausch gegen politische Mündigkeit errang sie für mehr als dreieinhalb Jahrzehnte soziale Sicherheit – und eine ermäßigte, den ökonomischen Möglichkeiten wie Notwendigkeiten immer weniger entsprechende Arbeitsbelastung.“(S. 98) Wichtig ist aber auch die Einsicht, dass die (auch in der CSSR und in Workuta stattgefundenen) Aufstände „den Übergang in eine totalitäre Gesellschaft rückgängig gemacht und es der Sowjetunion erleichtert (haben), den Übergang vom Stalinismus zur autoritären Diktatur zu bewältigen....Den Weg zu einer lebensfähigen sowohl demokratischen verfassten als auch sozial gerechten Gesellschaft jedoch vermochte er nicht zu öffnen.“(S.101)

Was nach dieser glänzend geschriebenen und mitreißenden Darstellung stört ist Schütrumpfs resignatives Fazit: „Und dann sind da noch einige Unbelehrbare, die immer noch von einer Gesellschaft träumen, in der soziale und politische Freiheiten einander bedingen – doch diese Spezies, von Politikern gern als Ideologen denunziert, scheint auszusterben.“(S. 127) Die Anzahl dieser „Unbelehrbaren“ dürfte wesentlich größer sein, als der Autor vermutet. Sie dürften aber nicht genügend vernetzt und um eine Debatte der von Schütrumpf aufgeworfenen Fragen organisiert sein. Dazu käme darauf an, nach dem erschütternden Scheitern der historischen Arbeiterbewegung nicht nur in Deutschland die Stimmen und Strömungen ernster zu nehmen, die schon seit mehr als hundert Jahren ihre Kritik am Zentralismus der Arbeiterorganisationen, deren Fortschrittsgläubigkeit im Rahmen kapitalistisch gesteuerter Produktivkraftentwicklung, ihrem Etatismus, ihrem Misstrauen in die mobilisierende Kraft der moralischen Ökonomie nicht nur der Unterklassen formulieren. Es käme darauf an, einen wie auch immer definierten Marxismus als Bezugssystem und die immergleichen Wiederholungen der Bildung von früher oder später im Parlamentarismus versackenden Organisationen hinter sich zu lassen. In diesem Sinne ist Landauer wichtiger als Kautsky, Luxemburg lohnenswerter als Lenin, 1968 bedeutsamer als 1949. Wenn wir uns wirklich darauf einlassen, dass das Grundparadigma die Herstellung einer selbstverwalteten und autonomen Gesellschaft ist, dann können wir in diesem Sinne die Geschichte der DDR und der Arbeiterbewegung hinter uns lassen, ihr Erbe aufheben. Zu dieser Arbeit leistet Schütrumps Buch einen wertvollen und wichtigen Beitrag.

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