Neben einer Skizze der tieferliegenden Strukturkrise des Kapitalismus, verweisen die Verfasser auf neoliberale Schockstrategien als die historischen Vorbilder der aktuellen Austeritätspolitik. Sie kritisieren rassistische Hetze gegen die griechische Bevölkerung und warnen vor dem Erstarken chauvinistischer Kräfte. Mehr als 500 Personen haben den Aufruf bereits unterzeichnet. Aufmerksamkeit ist dem Papier jedenfalls zu wünschen. Die Kommentare auf der Webseite der taz, zeigen den Wert der Intervention. Während sich die einen über die „staatsfinanzierte Theoretikertruppe“ auskotzen, wollen andere nichts von einem rassistischen Diskurs über Griechenland mitbekommen haben.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, kann der Aufruf auch von Nichtakademikern unterzeichnet werden. Und zwar hier.
Im folgenden Dokumentieren wir den Text des Aufrufs:
Frühjahr 2012. Merkel und Sarkozy eilen von Gipfel zu Gipfel, um den Euro zu retten. Der Boulevard hetzt gegen die Menschen in Griechenland. Der Kampf um die Krisenlösung spitzt sich dramatisch zu: Bis Anfang 2013 will ein autoritär-neoliberales Bündnis aus Kapitalverbänden, Finanzindustrie, EU-Kommission, deutscher Regierung und weiteren Exportländern den jüngst in Brüssel beschlossenen ‚Fiskalpakt’ im Schnellverfahren durch die Parlamente bringen. Der Fiskalpakt verordnet eine sozialfeindliche Sparpolitik und umfasst Strafen gegen Länder, die sich dieser Politik widersetzen. Der Fiskalpakt schränkt damit demokratische Selbstbestimmung weiter ein. Er ist vorläufiger Höhepunkt einer autoritären Entwicklung in Europa.
Wir sind diese unsoziale und anti-demokratische Politik ebenso leid wie die rassistischen Attacken auf die griechische Bevölkerung. Reden wir stattdessen von den menschenverachtenden Folgen dieser Politik. Reden wir über die autoritäre Wende Europas und deutsche Niedriglöhne als Krisenursache. Reden wir vom unangetasteten Vermögen der Wenigen und dem Leid der Vielen. Reden wir von unserer Bewunderung für den Widerstand und die Solidarität in der griechischen Bevölkerung. Fordern wir das Selbstverständliche: Echte Demokratie und ein gutes Leben in Würde für alle – in Europa und anderswo.
Die Krise in Europa ist die Spitze eines Eisbergs. Darunter liegt eine tiefe Strukturkrise des Kapitalismus. Zu viel Kapital ist auf der Suche nach Profit. Doch die Profitraten sind niedrig: Die Konkurrenz ist zu groß und die Löhne zu gering. Schuldenfinanziertes Wachstum und Spekulationsblasen konnten den Ausbruch der großen Krise nur verzögern. Nun propagiert das autoritär-neoliberale Bündnis das radikalisierte Weiter-so: Spekulationsverluste sozialisieren – durch dauerhaften Schuldendienst der Lohnabhängigen. Die Profitrate soll gesteigert werden – durch prekäre Arbeitsverhältnisse, Lohn- und Rentenkürzungen, Sozialabbau und Privatisierung. Die Folgen sind drastisch und was in Griechenland passiert, droht ganz Europa: Massenarbeitslosigkeit, Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, zerfallende Gesundheitssysteme, die Zunahme psychischer Erkrankungen und eine sinkende Lebenserwartung.
Derartige Maßnahmen können nur autoritär durchgesetzt werden. Der Putsch Pinochets in Chile 1973, die IWF-Programme in afrikanischen Staaten der 1980er Jahre und die Transformation im Osteuropa der frühen 1990er Jahre sind historische Vorläufer für Fiskalpakt & Co: Es sind Schockstrategien. Mit vielen Opfern erkämpfte, soziale und demokratische Prinzipien werden durch den Fiskalpakt in atemberaubendem Tempo abgeschafft, um den Schuldendienst zu sichern und die Profitraten zu steigern. In Italien und Griechenland setzen nicht-gewählte Technokraten-Regierungen mit Knüppeln, Tränengas und Wasserwerfern jene Spardiktate durch, die in Brüssel, Frankfurt und Berlin von männerdominierten ‚Experten‘-Gruppen beschlossen werden. Der Fiskalpakt und das Gesetzespaket zur 'Economic Governance' verleihen Organen wie EU-Kommission, Europäischem Gerichtshof und Europäischer Zentralbank, die jenseits demokratischer Kontrolle agieren, mehr und mehr Macht. Es ist perfide: Um demokratische Entscheidungen gegen die neoliberale Orthodoxie zu verhindern, verstärkt der Fiskalpakt das Diktat der Finanzmärkte durch Strafzahlungen an die EU.
Wie in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre gewinnen chauvinistische und faschistische Kräfte an Einfluss, in Ungarn, Österreich, Finnland und anderswo. Geschichtsvergessen macht die deutsche Regierung mit ihrer kompromisslosen Austeritätspolitik reaktionäre Krisenlösungen immer wahrscheinlicher.
Weltweit toben Kämpfe gegen diese Politiken, vom Syntagma-Platz in Athen über den Tahrir-Platz in Kairo und den Zuccotti-Park in New York bis zur Puerta del Sol in Madrid. Die Bewegungen von Flüchtlingen und Wanderarbeiter_innen, mit denen diese die Außengrenzen Europas überqueren, sind Teil dieser Kämpfe um ein gutes Leben. Diese Kämpfe müssen grenzüberschreitend und in den ‚Zentren’ des autoritär-neoliberalen Bündnisses geführt werden, in Paris, Brüssel, Frankfurt und Berlin. Wir rufen deshalb zur Beteiligung an den kommenden Protesten auf, darunter der europäische Aktionstag am 31. März, der Global Day of Action am 12. Mai und die internationale Mobilisierung nach Frankfurt a.M. vom 17.-19. Mai. Wir setzen damit auf eine alternative Krisenlösung:
Gegen die autoritär-neoliberale EU der Wenigen setzen wir ein demokratisches und sozial-ökologisches Europa der Vielen!
Aber es war eben kein Widerstandskampf. Sich diesen andichten zu lassen, sich wider besseren Wissens als ehemaliger DDR-Bürgerrechtler verkaufen zu lassen, das ist eine faustdicke Lüge. Irgendwann im Rostocker Bürgerkommitee aufzutauchen und beim Treten des Riesen mitzumachen, als dieser schon zuckend auf dem Boden lag – das war Gaucks Start in die zweite Karriere. Nun war er damit kein Einzelfall. Das Land war damals voll von Mutigen der letzten Stunde ebenso, wie es voll von Feiglingen, Überläufern, Verzweifelten, Zerknirschten war. Die sterbende DDR gab von sich, was lange in ihrem Gedärm gedräut hatte. Das war manchmal lustig, manchmal traurig, manchmal erstaunlich, manchmal wirklich widerwärtig. Gerade die Widerwärtigkeit hatte dabei viele Gesichter. Manche waren sofort in aller Hässlichkeit sichtbar – andere formten sich mit der neuen Zeit, mit den Verlockungen der Macht, des Geldes, der Eitelkeit.
Gauck ist die perfekte Verkörperung eines Mannes, der allen drei Verlockungen erlag. Je nach Auftrag totzuschlagen oder leben zu lassen – dies ist und war Manier der nach Gauck benannten Behörde ebenso, wie der BILD-Zeitung. Dies erklärt auch das vertrauliche Verhältnis beider. Der (westdeutschen) Politik war im Prinzip klar, dass es ohne massive soziale Verwerfungen im Osten Deutschlands nicht abgehen würde und dass die „kleinen Leute“ im Westen die Gewinne der Großen würden bezahlen müssen. Gauck war der Mann, der die Schuldigen dafür zu liefern hatte – immer und immer wieder. Jeden Zweifel am Kapitalismus, jedes Nachdenken über eine Gesellschaft jenseits von ihm mit den Worten „Stasi“ und „Unrecht“ niederzubellen, erledigt Gauck seit über zwei Jahrzehnten in trauter Eintracht mit der BILD-Zeitung – mit und ohne Amt. Nun bald wieder mit. Der Einzug ins Schloss Bellevue ist der Dank für sein Lebenswerk und er ist mit der Erwartung verknüpft, auch künftigen Krisen des Kapitalismus mit dem ihm eigenen, pastoralem Geschwurbel die angeblich einzige, schlimme Alternative entgegen zu halten: Unrecht und Stasi, GULAG und Lubjanka.
In vorauseilendem Gehorsam hat er damit längst begonnen. Auge um Auge – Zahn um Zahn in Afghanistan. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen – sein Plädoyer für Hartz IV. Und die Macht der Reichen, die euer Elend ist, müsst ihr nur so lange ertragen, bis ihr im Paradies seid – die passen mit ihren Geldsäcken ebenso wenig durchs Nadelöhr wie ein Kamel. Seid frohen Mutes, der Herr ist mit euch – und ich bin es auch!
Nur eines ist noch widerwärtiger, als dieser eitle Prediger der Enthaltsamkeit in Dummheit: Die Riege, die ihn in großer Eintracht als Kandidaten präsentiert hat. Sie wussten – Claudia Roth vielleicht einmal ausgenommen – genau, was sie taten.