16.08.2016

Rezension

Wie lernt das linke Mosaik? Die plurale Linke in Bewegung

Stefan Gerbing

Die Metapher der Mosaik-Linken prägte Hans Jürgen Urban vor einigen Jahren in programmatischen Texten im prager frühling (Konstruktive Veto-Spieler?[1]) und ein Jahr später in den Blättern für deutsche und internationale Politik (Die Mosaik-Linke[2]).[1]

Der Ausgangspunkt Urbans war die Frage nach den Chancen eines gegenhegemonialen Blocks nicht zuletzt als Reaktion auf die Schwächung von Gewerkschaften im Finanzmarktkapitalismus. Mit Beginn der globalen Finanzkrise, die sich rasant als Mehrfachkrise entfaltete, stellte er sich die Frage, wie in der „eigentümlichen Windstille“ in Deutschland Protestenergie für solidarische Krisenlösungen oder sogar grundlegende Gesellschaftsveränderung freigesetzt werden könne.

Die Mosaik-Metapher beinhaltete eine Aufforderung an Bewegungs-, Partei- und GewerkschaftsakteurInnen, jenseits von unterschiedlichen Milieus sowie spezifischen Bewegungs- und Organisationskulturen „eine neue Kultur der wechselseitigen Toleranz und der Akzeptanz“ zu entwickeln. „Wie ein Mosaik seine Ausstrahlungskraft als Gesamtwerk entfaltet, obwohl seine Einzelteile als solche erkennbar bleiben“, so könne „eine neu gegründete Linke als heterogener Kollektivakteur wahrgenommen und geschätzt werden“, so Urban.

Die Mosaik-Metapher löste und löst zuweilen Abwehrreflexe aus: Sie impliziere einen übermächtigen Akteur, der das Mosaik zusammensetzt. Ein Mosaik sei starr und lege die Unveränderlichkeit der Teile nah, so wurde kritisch eingewandt. Urbans Aufforderung der Kooperation ignoriere Machtverhältnisse und Ressourcenzugänge der verschiedenen Akteure, falle hinter die Parlamentarismuskritik Agnolis zurück und biete keine Antwort auf die laut Robert Michels als gesetzmäßig anzusehende Verselbstständigung und Oligarchisierung von sich bürokratisierenden Parteiapparaten.

Man kann dies als Schwäche einer Metapher begreifen oder als Stärke. Schließlich bietet die Idee der „Mosaik-Linken“ Reibungsfläche, um Organisierungsdebatten und Keimformen einer anderen Gesellschaft über etablierte innerlinke und identitär verfestigte Abgrenzungen hinweg zu führen.

Die Herausgeber des jüngst bei VSA erschienen Buch „Wie lernt das linke Mosaik?“[3] versuchen letzteres. Die Beobachtung, dass der Mosaik-Diskurs dazu neige sich von „Veränderungssubjekten abzusondern“ und jenseits von „Führungskadern“ kaum „aktive Aneignung“ in linken Parteien, Gewerkschaften, NGOs und der radikalen Linken stattfinde, dient Marcus Hawel und Stefan Kalmring als Ausgangspunkt, um ein reichliches Dutzend Autorinnen zu versammeln, die mit Ihren Beiträgen drei inhaltliche Stränge der Mosaikdiskussion auszuarbeiten und zu erkunden suchen.

Kohärenz- und Unordnungsarbeit

Im ersten Teil des Buches rekonstruieren die Herausgeber zunächst Debatten über die Erlangung von kollektiver Handlungsfähigkeit und deren Voraussetzungen. Stefan Kalmring spannt dabei einen durchaus weiten Bogen. Ausgehend von einer an Agnoli geschärften Kritik des Staats- und Parteiverständnisses von Kautsky und Lenin leitetet er zu André Gorz‘ Kritik an der Gegenüberstellung von Reform und Revolution über, um schließlich eine neuere feministische Kritik an der Anmaßung von Sprechpositionen zu rekonstruieren..

Marcus Hawel und Stefan Kalmring

Mitherausgeber Marcus Hawel ergänzt diese Überlegungen durch einige Thesen zu den Ordnungskriterien politischen Handelns, um dann zwei Sozialfiguren vorzustellen, die es brauche um kollektive Handlungsfähigkeit zu erlangen. Die eine ist der „organische Intellektuelle“ Gramscis, der mit der Sprache und Geschichte von AkteurInnen vertraut ist und dessen Kohärenz- und Kongruenzarbeit die nötige Gerichtetheit kollektiven Handelns ermöglicht. Hawels Rekonstruktion ist von einem Misstrauen gegenüber dem Neogramscianismus geprägt. Die unkritische Übernahme historischer Begrifflichkeiten Gramscis, die ein leninistisches Staatsverständnis nahelegen, mache den Gramscianismus zu einem Rückzugsort für einen autoritären und delegitimierten „Restlenismus“. Um diesem zu begegnen, will Havel der Figur des „organischen Intellektuellen“ zwei korrektive Instanzen zur Seite stellen. Zum einen die kritische Psychologie, die Identitätszwänge auch und gerade in der Linken beschreib- und hintergehbar mache. Darüber hinaus stellt er dem organischen Intellektuellen den/die freie Radikale an die Seite, deren/dessen Eigensinn und Unabhängigkeit katalytisch radikale Reaktionen in Gang bringe.

Suchbewegungen

Der zweite Teil des Buches ist mit „Gegenhegemonie ohne Autorität und Zentrum – Suchbewegungen“ überschrieben. Das ist durchaus wörtlich gemeint. Die Beiträge der verschiedenen Autorinnen widmen sich sehr unterschiedlichen Gegenständen. So greift z.B. Hannah Meißner in ihrem Text, der sich Subjektivierungsweisen im Kapitalismus widmet, Überlegungen aus feministischen Debatten auf und plädiert für eine gesellschaftliche Transformation, die nicht „das Privileg der Unabhängigkeit einklagt“, sondern „in der Suche nach Figurationen von Sozialität“ besteht, „die unsere Abhängigkeiten anerkennen.“ Rahel Sophia Süß widmet sich der Frage, wie Identität und Differenz in einem linken Mosaik zu denken sei. Sie spricht sich für eine Mosaik-Linke aus, die als soziales und politisches Handlungsexperiment konzipiert ist. Mit Stuart Hall plädiert sie für eine Konzeption, die Veränderung von Identitäten, die in Netzwerken auf einander stoßen, im Handeln ermöglicht.

Weitere Beiträge widmen sich der Frage, wie kollektive Handlungsfähigkeit in zunehmend differenzierten Gesellschaften möglich sein kann. Michael Vester kritisiert zunächst die vulgärmarxistische Vorstellung der Einheitlichkeit historischer Arbeiterbewegungen. Er stellt dem die gegebene sozialstrukturelle und politische Fraktionierungen auch früherer ArbeiterInnenbewegungen gegenüber. Der Mosaik-Begriff helfe, so Vester, diese Pluralität anzuerkennen. Aber bei dieser als Tatsachenfeststellung stehen zu bleiben, würde der kommerziellen Millieuforschung nichts hinzufügen. Stattdessen deutet er verschiedene millieuspezifische Formen eines aktiven Widerstands gegen Prekarisierung z.B. in den sehr unterschiedlichen Arbeitskämpfen von Lokführern, Erziehern und Postboten an.

Jan Schlemermeyer problematisiert in seinem Beitrag die „Souveränitätsfiktion eines Bruchs, egal ob er nun in Gestalt der Phantasie eines revolutionären Neustarts oder der etatistischen Idee eines reformistischen Gesamtplans auf das weiße Blatt einer doch längst beschriebenen Gesellschaft gezeichnet wird.“ Dieser ignoriere, dass es das weiße Blatt nicht gebe. Denn zum einen zehre der Gesamtprozess der gesellschaftlicher Reproduktion »davon, dass die Menschen dem, was ihnen angetan wird, auch ihr Leben verdanken.“ (Adorno) Zum anderen sei die Erweiterung sozialer Freiheiten meist schon in Institutionen oder nicht mehr rückgängig zu machende Mentalitätsverschiebungen geronnen. (Honneth)

Abgeschlossen wird dieser Strang des Beitrags mit einem ideengeschichtlichen Beitrag über die Organisationsdebatte im klassischen Anarchismus und einem Beitrag von Peter Hudis über die Vermittlung von Wegen und zielen sozialistischer Politik. Mit der Überlegung des zurückgetretenen früheren griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, dass „sich die Linke eingestehen [müsse], dass wir derzeit nicht darauf vorbereitet sind, die Kluft, die sich mit dem Zusammenbruch des europäischen Kapitalismus auftun würde, mit einem funktionierenden sozialistischen System zu schließen“ schlägt dieser letzte Beitrag eine Brücke von Jan Schlemermeyer Beitrag zum dritten und letzten Strang des Buches.

Keimformen

In ihm suchen AutorInnen nach Keimformen und Lernräumen. Während Gregor Kritidis Überlegungen zur Möglichkeit einer emanzipatorischen Rolle von Syriza unter den Bedingungen des Austeritätsregimes anstellt, beschreibt Amir Taha kollektive Lernprozesse im arabischen Frühling. Die Beiträge von Stefanie Kron und Martina Blank führen beispielhaft die Konfliktpotentiale von mosaiklinken Ansätzen im globalen Kontext vor. So beschreibt Kron die Veränderung der Sozialforumsbewegung durch die verstärkte Teilnahme halbstaatlicher und antisemitischer Pseudo-NGOs, die Abnahme von Dialog- zugunsten von Frontalveranstaltungen und Auftritten globalsierungskritischer Celebrities.

Blank skizziert am Beispiel von sozialen Bewegungen im Großraum Buenos Aires, wie einerseits die globalisierungskritische Bewegung nur die Zersplitterung der hoffnungsvollen Kämpfe der argentinischen Widerstandsbewegung auf der Arena der Hauptstadt-Assambleas wahrnahm und dabei andererseits die ganz anders strukturierten Auseinandersetzungen in den Vororten übersah. Ronald Höhner beschließt den Band mit einem Beitrag zu kollaborativem Lernen in der Bildungsarbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Fazit

Die Herausgeber haben Texte zusammenzutragen, die aus der Metapher einer Mosaik-Linken fast durchweg spannende Überlegungen zu mehr oder weniger disparaten Feldern entwickeln. Kaum ein Text, der nicht vielversprechende Lektüreanregungen enthält oder pointierte Verknüpfungen herstellt. Neben den vielen positiven Dingen, die der Band leistet, gibt es allerdings auch einige Schwächen. So versäumt es die Einleitung des Bandes Verbindungen zwischen den Texten herzustellen und konkret die übergreifenden Fragestellungen der AutorInnen sichtbar zu machen. Dies könnte Lesenden die Orientierung erheblich erleichtern und sollte in folgenden Auflagen nachgeholt werden.

Die Blumigkeit und Vagheit, welche von HerausgeberInnen und AutorInnen an Mosaik-Diskursen kritisiert wird, findet sich auch in einigen der Texte. Der teilweise recht hermetische Jargon ist nicht allein den dichten Thesen geschuldet.

Da die Mosaik-Metaphorik vor allem eine Dialogaufforderung beinhaltet, wären zumindest einige stärker debattenorientierte Textformate wie Streitgespräche oder Thesenkommentare zu erwarten gewesen. Von den AutorInnen hätte man sich mehr Mut zur Reflexion der eigenen Organisationspraxis gewünscht. Fast alle AutorInnen kommen aus dem Umfeld der Rosa Luxemburg Stiftung oder der Partei DIE LINKE und sind oftmals gleichzeitig in anderen Bewegungskontexten aktiv. Welche Folgerungen die jeweiligen Überlegungen für die eigenen politischen Kontexte haben könnten, darüber schreiben nur wenige AutorInnen. Auch wenn Marcus Hawel vorsichtig daran erinnert, dass die Grünen immerhin einst versuchten durch die Trennung von Amt und Mandat, Rotationsprinzip und Leitung auf Zeit die stummen Konformitätszwänge der Meiden- und Parlamentsdemokratie zu durchbrechen, so bleiben solche handlungspraktischen Überlegungen eher die Ausnahme und sind meist Erinnerung an Verlerntes.

Somit leistet der Band eine Fundamentarbeit für die Mosaik-Linke. Um die „Ausstrahlungskraft als Gesamtwerk“ wahrzunehmen, braucht es allerdings noch viel Phantasie der Betrachtenden.

Marcus Hawel / Stefan Kalmring (Hrsg.): Wie lernt das linke Mosaik? Die plurale Linke in Bewegung, Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, 296 Seiten, 2016 kostet 16,80 Euro und ist bei VSA[4] oder im Buchhandel erhältlich.

Anmerkungen

[1] Weitere Publikationen griffen die Debatte um seinen Vorschlag auf[5] oder kommentierten sie kritisch[6].

Links:

  1. http://www.prager-fruehling-magazin.de/de/article/118.konstruktive-veto-spieler.html
  2. https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2009/mai/die-mosaik-linke
  3. http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/wie-lernt-das-linke-mosaik/
  4. http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/wie-lernt-das-linke-mosaik/
  5. https://www.akweb.de/ak_s/ak574/31.htm
  6. http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/2013/prokla171-editorial.pdf