Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)
Redaktionsblog

»Es war klar, dass es irgendwann explodiert«

geschrieben am 14.12.2018

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prager frühling: Die Bewegung der „Gelbwesten“ hat sich in den letzten Tagen stark ausgeweitet. Kannst du uns kurz darstellen, wie sich dies vollzogen hat?

Geoffroy de Lagasnerie: Vor einigen Wochen habe ich mit Didier Eribon diskutiert und  wir haben uns gefragt, wieso die Leute gelbe Warnwesten tragen. Wieso dieses Symbol? Didier antwortete: Die Warnweste zieht man sich an, wenn man auf der Autobahn in Gefahr ist und nicht von anderen Autos gefährdet werden will.  Man trägt sie auch, wenn man im Dunklen steht und gesehen werden will.  Man bringt zum Ausdruck: Ich will nicht sterben, ich bin da, helft mir.

Die Gelbwestenbewegung, das ist der Aufstand aller, die von den politischen, medialen, gewerkschaftlichen Systemen strukturell ausgeschlossen wurden, und deren Stimme nicht gehört wird. Es ist eine Bewegung, die keine Grenzen aufweist und auch keine präzisen Ziele geltend macht. Sie bringt den Unmut und die Wut zum Ausdruck  und greift auf die Wohngebiete, die Schulen, die Universitäten über und bezieht neue Gruppen von Schüler_innen bis hin zu den Eisenbahner_innen mit ein. Der Protest der Gelbwesten ist dynamisch und gibt seine Energie an andere soziale Gruppen weiter.

prager frühling: Wieso tritt die Bewegung so radikal und wütend auf?

Geoffroy de Lagasnerie: Man kann die Bewegung nur verstehen, wenn man sie in Beziehung zu anderen Bewegungen setzt, die sich seit der Wahl von Macron gebildet haben: Die Bewegungen der Student_innen, der Krankenpfleger_innen, der Eisenbahner_innen, der Angestellten. Die Gelbwesten sind Effekt des Scheiterns all dieser Bewegungen. Seit der Wahl von Macron gab es viele Proteste,  aber sie sind alle an Macrons Unnachgiebigkeit gescheitert. Die Lebensbedingungen haben sich weiter verschlechtert und es war klar, dass es irgendwann explodiert. Genau das ist eingetreten. Ich würde es so sagen: Radikalität und Wut gehen von Macron aus, der seine autoritäre und inegalitäre, gewaltsame und technokratische Politik verfolgt.  Auf diese Gewalt zu reagieren, auch deutlich, das ist für mich nicht radikal. Das ist das Minimum. Eine wichtige Einsicht, die ich mir merke, besteht darin, dass erst a-legale Aktionen (die Beschädigung von Gegenständen) die Regierung zum Einknicken gebracht haben. Das zeigt auch die Ineffektivität der traditionellen Protestformen. Damit will ich nicht sagen, dass die Gelbwesten gewaltsam sind. Die Gewalt ist eine Eigenschaft der Herrschenden oder des Staates und ich würde das alles eher als „autodéfense populaire“ (populare Selbstverteidigung) bezeichnen. Dass die autodéfense eine effektive Form der Opposition ist, sollte eine Lektion für das Durchdenken der Demokratie unter den heutigen Bedingungen sein.

prager frühling: Wie reagieren die Medien bisher und was hältst von den Reaktionen Macrons?

Die Macht wird immer vom Aufstand heimgesucht: durch die Angst vor dem Aufstand. Die Regierenden betrachten die soziale Welt immer als Ort eines potentiellen Chaos.  Macron hat gedacht, dass eine soziale Dynamik ihn tragen könne. Seine Reaktion sollte man nicht in den kleinteiligen ökonomischem Maßnahmen suchen, sondern in dem Polizeiarsenal, das bei der Demonstration am 8.12. zum Einsatz kam: 2000 Leute wurden präventiv festgehalten — etwa 5% der Demonstranten. Die Mehrzahl wollte einfach nur an der Demonstration teilnehmen. Das ist einfach unglaublich und wenn sowas in Russland passiert, würde man zu Recht von einer antidemokratischen, autoritären Macht sprechen. Man muss auch hinzufügen, dass dutzende Demonstrant*innen und Journalist*innen durch Hartgummigeschosse der Polizei verletzt wurden. Einige haben dabei sogar ihr Augenlicht verloren. Das sagt uns etwas über die Wahrheit der Macht in unserer Gegenwart. Sie wird nicht ausgeübt, weil sie legitim ist, sondern um das Gewaltmonopol aufrechtzuerhalten. In dieser Reaktion tritt das antidemokratische Unbewusste der Regierung Macron zutage.

prager frühling: Welche Rolle spielen bisher die etablierten politischen Kräfte in der Bewegung?

Geoffroy de Lagasnerie: Es findet ein sehr intensiver Kampf zwischen der Rechten und der Linken darüber statt, was die Bewegung bedeutet. So wie die Bewegung entstanden ist, außerhalb der politischen Apparate, war die Bewegung zunächst politisch unbestimmt. Sie hätte sich nach rechts oder links wenden können. Und es gab dann einen starken Kampf diese Bewegung in eine linke Bewegung  für soziale Gerechtigkeit zu transformieren und nicht in eine potentiell faschistische Bewegung gegen den Sozialstaat und die Migranten, wie es die extreme Rechte wollte. Die gute Nachricht ist, dass die Linke diesen Kampf gewonnen hat. Es ist das erste Mal seit 30 Jahren, dass die Linke einen kulturellen Kampf gewonnen hat. Als wir am ersten Dezember auf die Straße gegangen sind und uns die gelben Westen angezogen haben, haben wir auch dafür gekämpft sie als progressive Kraft zu besetzen.

prager frühling: Was ist die Perspektive der Bewegung in den nächsten Wochen?

 Geoffroy de Lagasnerie: Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht. Macrons Repression war stark und hat einen entmutigenden Effekt. Meiner Meinung nach wird sich die Bewegung nur vergrößern, wenn sie sich ihren unerwarteten, innovativen, a-legalen Charakter erhält und sich nicht in die traditionellen Protestformen (Sprecher, klassische Demos) auflöst.

prager frühling: Vielen Dank für das Gespräch.

Geoffroy de Lagasnerie (geboren 1981) ist ein französischer Philosoph und Soziologe. Im September 2015 veröffentlichte de Lagasnerie wiederum zusammen mit Édouard Louis ein „Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive“ in der Zeitung Le Monde, das sich gegen den neuen Rechtsruck in Frankreich und Europa wendete. Jüngste Veröffentlichung: Verurteilen. Der strafende Staat und die Soziologie. Suhrkamp, Berlin 2017.

Gesetzt wir hätten als Menschen produziert

Beitrag von Kevin Rittberger, geschrieben am 30.10.2018

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Kevin Rittberger

Die Stimmensammlungsbewegung „Aufstehen“, zu deren Initiatoren der Berliner Dramaturg Bernd Stegemann gehört, hat mit Solidarität wenig am Hut. Zunächst zum wesentlichen Gründungsmotiv, das die Initiative von allen anderen Bewegungen und Parteien der Linken unterscheidet: Da sich die Deutschen hierzulande im Konkurrenzkampf mit den Zugewanderten und Geflüchteten befänden, seien sie nicht zur Solidarität fähig, sondern beanspruchten zu Recht, Priorität zu genießen. Die Angst vor den Fremden seitens der Eingeborenen gelte es zu verstehen – und einzusammeln - und nicht von den linksliberalen Metropolen aus abzukanzeln. Wer dies nicht erkenne und weiterhin Kosmopolitismus, Bewegungsfreiheit, politischer Korrektheit oder gar queerer Repräsentationskritik anhänge, sei ein schön-doofer Wasserträger der fortwährend mahlenden Mühlen des neoliberalen Spätkapitalismus.

Was haben wir gemeinsam? Solidarität und Kapitalismus

Der Begriff der Solidarität ist historisch aus dem Gedanken des Internationalismus, sprich: der gemeinsamen Sache der Arbeiter_innen aller Länder entstanden. Nachzulesen ist dies etwa im „Kommunistischen Manifest“ von Karl Marx oder konkreter in Marx’ Brief an Abraham Lincoln anlässlich der Befreiung ehemals versklavter Menschen. Der Satz des frühen Marx „Gesetzt wir hätten als Menschen produziert: Unsere Produktionen wären ebenso viele Spiegel, woraus unser Wesen sich entgegen leuchtete“ war durchaus auf alle Menschen bezogen und wirkt noch heute, wenn die Linke für das Gemeinsame eintritt, für die Commons, die solidarischen Ökonomie und gegen das Wachstumsdiktum. Auch theoretisch wurde diese Annahme in notwendig-erweiterter feministischer (etwa Frigga Haug), ökofeministischer (etwa Maria Mies) und wissenschaftskritisch-feministischer (etwa Donna Haraway) Perspektive reformuliert. Gesucht ist eine nachhaltige Produktionsweise in den Ruinen und Korridoren einer alternativlosen, verheerenden Ökonomie. Es gibt keine kulturelle Identität, wohl aber Ressourcen, die gemeinsam genutzt werden können. Auch inzwischen klassische Studien wie „Caliban und die Hexe“ von Silvia Federici haben gezeigt, dass der Siegeszug des Kapitalismus seit rund fünfhundert Jahren an die Mehrfachprivilegierten des globalen Nordens geknüpft war. Weiße Lohnarbeit war an unentgeltliche weibliche Reproduktionsarbeit sowie die Arbeit versklavter Menschen geknüpft. Und dieses (Re-)Produktions- und Herrschaftsverhältnis hat sich im Zeitalter der neoliberalen Globalisierung über den gesamten Globus verteilt. Intersektionale Bündnisse auch und gerade über die Grenzen hinweg, sind die zwingende Reaktion. Die Ausgebeuteten, Beherrschten und Diskriminierten widerstehen aber einer kollektiven Identitätsbildung. Jede Erzählung des 21. Jahrhunderts ist reaktionär, wenn sie historisch-gemachte Ungerechtigkeiten des globalen Kapitalismus außer Acht lässt und lediglich auf nationaler Ebene etwas an den gegenwärtigen Symptomen herumzudoktern verspricht. Rassismus und Sexismus sind kein „kulturelles Theater“ (Mark Lilla) oder  „Fragen der Symbol- und Anerkennungspolitik“ eines „Lagers“, für das „jede Frage nach sozialer Politik Hochverrat an seinem Auftrag ist“, wie Bernd Stegemann dies im Tagesspiegel vom 16.10. verlautbaren ließ. Linke Identitätspolitik ist als Klassenpolitik im selben Maße prozessual zu denken, als auch die Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts Klassenunterschiede nicht zu zementieren, sondern aufzulösen suchte. Linke vertreten einen offenen Klassenbegriff, der Rassismus und Sexismus als weitere Herrschaftsknoten adressiert, welche nicht von der sozialen Frage loszulösen sind. Da es durchaus Richtiges im Falschen gibt: Emanzipatorische Erfolge sind auch partikular zu würdigen, wenn die Zugangs- und Aufstiegschancen in einer offenen Gesellschaft pluraler werden und nicht als Weichspülen von Herrschaftstechniken zu diskreditieren, wenn die jeweils Regierenden den Sozialstaat weiter abbauen.

Der Blick von oben auf die „Schwachen“

Wer behauptet, Menschen am unteren Ende der Gesellschaft seien nicht zur Solidarität fähig, hat wohl kaum Erfahrungen mit denjenigen Menschen gemacht, die von den Protagonisten der Stimmensammlungsbewegung als „Näherin in Bangladesh“ und „Müllwerker in Deutschland“ für ein zweifelhaftes Weltbild in Geiselhaft genommen werden. Auch sind hier die realen Zahlen – hier fünf Millionen AfD-Wähler_innen, dort acht Millionen in der Flüchtlingshilfe – gegen ein irrationales Bauchgefühl vertauscht. Gerade Menschen, die Flucht am eigenen Leib erfahren haben oder sich innerfamiliär daran erinnern und wissen, wie schwer es ist, die Existenz als Neuankömmling zu bestreiten, verhalten sich durchaus solidarisch. Seriöse Studien, etwa die der Schweizer Politikwissenschaftlerin Silja Häusermann, sehen keinen bedeutenden Zulauf von Prekarisierten, Arbeitslosen und Armen bei den Rechten, sehr wohl aber einen Zusammenhang zwischen der Angst vor dem Verlust symbolischer Privilegien bei Mittelständischen und Kleinbürgerlichen (v.a. ältere, weiße Männer). Hier bieten die Ideologien der Ungleichheit einen vermeintlichen Halt. Die Sammlungsbewegung leistet keine entschiedene Abgrenzung gegenüber rechten Bewegungen. Ganz im Gegenteil wird eine Anbiederung an deren Positionen und die Übernahme ihrer falschen Deutungsmuster (Deutsche vs. Ausländer, „links-grün versifft“ vs. gesunder Menschenverstand, Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt und um Sozialleistungen, Merkels „Einladung“ an die Welt nach Deutschland zu kommen, die Rede vom „Staatsversagen“ etc.) bewusst in Kauf genommen.

Im besten Falle ist das eine Strategie, die einmal eingesammelte Stimmen wieder solidaritätsfähig machen möchte. Ganz im Gegenteil zur rechten Metapolitik konnte die Stimmensammlungsbewegung aber bisher keine Treffer landen. In Sachen sozialer Frage hat der „Flügel“ der AfD längst aufgeholt, flankiert vom Institut für Staatspolitik, welches der „Mosaik-Rechten“ zusehends einen roten Anstrich verpasst, um den Linken „ihr Kronjuwel abzujagen“ (Götz Kubitschek). Warum überhaupt wird eine Bevölkerung, die sich nach der Krise von 2011 mehrheitlich kapitalismuskritisch äußerte und seit 2015 schutzsuchenden Geflüchteten gegenüber empathisch und mehrheitlich hilfsbereit zeigte, eigentlich nur mit Argwohn abgestraft?

Aufgabe der Linken: Back to reality

Es ist nun Aufgabe der Linken, diesen unsolidarischen Tendenzen nicht auf dem Leim zu gehen. Warum macht sich die Sammlungsbewegung nicht einfach das Fazit des Gutachtens des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zu eigen, der auch zu massiven sozialen Investitionen rät und dazu, Hartz-IV-Satz und Mindestlohn massiv zu erhöhen, jedoch ohne ein phantasmagorisch-homogenes Volk von der Bevölkerung hier lebender Menschen über Othering-Methoden abzuspalten? Stegemanns Kassandrarufe besagen, dass die Willkommenskultur dem Volk von oben aufoktroyiert sei und dieses "seinen Lebensraum teilen soll. Die Folgen sind nicht nur eine Belastung der sozialen Sicherungssysteme, rasant zunehmende Wohnungsknappheit und Lohndumping, sondern auch ein sprunghaftes Anwachsen von Fremdenfeindlichkeit" (Bernd Stegemann, „Das Gespenst des Populismus“, S. 119). Nicht nur banalisiert und verharmlost er damit die Ursachen und die Existenz von Rassismus. Wer die rechtsextreme Mobilisierung und sich manifestierende Zornpolitik wie bspw. in Chemnitz als bloßen Reflex auf die Merkel-Regierung anmoderiert, erinnert nur an die alte Behauptung, dass Nebenwidersprüche erst nach Lösung des Hauptwiderspruchs an der Reihe seien – und letzteren will ein Stimmensammler ja gar nicht lösen. Viel mehr noch spielt Stegemanns Verstehertum der Täter-Opfer-Umkehrung in die Hände, einer beliebten rhetorischen Figur rechter Metapolitik, die gewalttätige oder gewaltaffine Menschen als Opfer des Systems entschuldigt. Doch wer sich in die Sorgen der „Wutbürger“ hineinversetzt, wendet sich auch von den Sorgen der Leute ab, gegen die diese Wut gerichtet ist und welche von der bürgerlichen Gesellschaft ohnehin abgewertet werden.

Zurück zum deutschen Stadttheater? Der Kampf um die Ästhetik auf der Bühne

Dazu passt, dass Bernd Stegemann das deutsche, bürgerliche Stadttheater gegen den Einfluss von repräsentationskritischen Performer_innen und der postmodernen Ästhetik einer internationalen Szene verschließen will. Er polemisiert u.a. gegen Diversität, „Zensur“ durch politische Korrektheit und Authentizitätseffekte des Dokumentartheaters. Das transkulturelle Ineinanderwachsen von Einheimischen und Neuankömmlingen, von Repräsentation und Performerism, von Verletzlichkeit und Politics of Care, kann in Stegemanns reaktionärer Ästhetik nur als Präsenzeffekt im „Säurebad der Kontingenz“ (Bernd Stegemann, „Kritik des Theaters“, S. 10) gelesen werden. In Stegemanns Büchern wie „Kritik des Theaters“ (2013) und „Das Gespenst des Populismus“ (2017) gerinnt der ästhetische zum politischen Rollback. Der Grund der furiosen Abrechnung gegenüber einer Verqueerung des Theaters scheint einzig und allein darin zu liegen, die Überschneidungen, die Klasse, Geschlecht und Ethnizität in ihren jeweiligen emanzipatorischen Kämpfen nebeneinander und miteinander, synchron und diachron, produzieren, nicht dialektisch auflösen zu können. In einer verdrehten Lesart von Luc Boltanski und Eve Chiapello (und deren Klassiker „Der neue Geist des Kapitalismus“ von 1999) und Didier Eribon („Rückkehr nach Reims“ von 2009) werden kritische Künstler_innen und Initiator_innen emanzipatorischer Politik gleichsam zu Komplizen des „progressiven Neoliberalismus“ (Nancy Fraser) herabgewürdigt. Dabei haben weder Geflüchtete, noch Künstler_innen oder die queerfeministische Bewegung Hartz IV erfunden. Am wenigsten aber ist für die Kunst gewonnen, wenn sie sich mit Stegemanns Klassenbegriff des deutschen, kleinen Mannes dem global um sich greifenden Illiberalismus andient.  

Flucht und restriktive Migrationspolitik

Flüchtlinge sind nach oft jahrelangen Reisen, so stellen Experten wie der ehemalige Leiter der Clearing-Stelle der Charité, Prof. Malek Bajbouj, fest, nicht selten mehrfachtraumatisiert. Eine Menschenrechte und Mitmenschlichkeit achtende Politik wird geflüchtete Menschen nicht aus Verständnis vor xenophoben Reflexen in Rückführungslager schaffen lassen, wo sie dem Blick der Einheimischen und den Selbstorganisationkräften der Zivilbevölkerung in Sachen Rechtshilfe, Übersetzung, Antragstellung, Ausbildung u.a. entzogen sind. Ein schutzsuchender Mensch mit Fluchterfahrung braucht Hilfe und keine Stigmatisierung. In Deutschland sind die Voraussetzungen hierfür wesentlich besser als in anderen europäischen Ländern. Wer sich einen Überblick über die grausame, menschenunwürdige Situation in den Lagern in Libyen verschafft hat, wird vorsichtig damit sein, von „Erfolgen“ in der Bekämpfung von Fluchtursachen zu sprechen, welche die rechte Ministerriege aus Seehofer, Kickl und Salvini regelmäßig verkündet. Einen Hotspot in Libyen oder im Tschad zu errichten, ein Abkommen mit dem illiberalen, türkischen Autokraten zu verhandeln, deutsche Sicherheitstechnologien in afrikanischen Ländern zum Einsatz zu bringen, Waffenexporte durchwinken, der europäischen Leitstelle für Seenotrettung in Rom durchgehen zu lassen, die Koordination von Notrufe aussendenden Schiffen in sichere Häfen zu verweigern, obwohl das internationale Seerecht die Rettung von Schiffbrüchigen sowie Non-Refoulement vorgibt, hat mit Ursachenbekämpfung indes wenig zu tun. An dieser Stelle die volkssouveräne Grenzsicherung einzufordern - und hier eifert die Sammlungsbewegung den Rechtspopulisten nach -, bedeutet die Mär von den Push- und Pullfaktoren nachzubeten und vor dem Höchststand der Todesopfer im Mittelmeer seit der endgültigen Kriminalisierung der Seenotrettung die Augen zu verschließen. 

Und zuletzt zur Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt: Dass die Stimmensammler_innen den bereits vor dem Sommer 2015 bestehenden, herrschenden und verheerenden Ausbeutungszuständen, allein auf dem innereuropäischen Binnenmarkt bspw. in Sachen Leiharbeit ursächlich den Kampf ansagen, ist fraglich. Nichts anderes wäre aber Sache linker Politik, die sich nicht damit begnügen kann, einst selbstverständliche, sozialdemokratische Standards wieder einzufordern. Dass die Tomatenernte in Apulien und Almeria, die Weinernte an der Mosel, die Errichtung von Shoppingmalls in Berlin, die Arbeit in der Logistik der Fulfillment Center bei Amazon nicht ohne Billiglöhner_innen auskommen, die selbstverständlich schon vor jeder Krise auch aus ganz Europa saisonal angekarrt wurden, ist ein Missstand, der von im Spagat zwischen restriktiver Migrationspolitik, Jobsicherheit und mehr Sozialstaat agierenden Stimmensammler_innen nicht behoben werden wird - da es sich nämlich um Verelendungszustände im real-existierenden Kapitalismus in Zeiten des unaufhaltsamen Klimawandels handelt. Die Bündnisse und Streiks migrantischer Ernethelfer_innen in Südeuropa, die Arbeit von La Via Campesina, als Organisation von Landarbeiter_innen und Landlosen weltweit, Amworkers, ein erster transnationaler Zusammenschluss von Amazon-Beschäftigten in Polen und nicht zuletzt auch der „Herbst der Solidarität“ mit #unteilbar, #welcomeunited, #ausgehetzt, #hambibleibt, #seebruecke, #noPAG, #endegelände haben in Sachen Solidarität hingegen wichtige Grundsteine gelegt.


Kevin Rittberger arbeitet als Autor, Regisseur, Kurator und Journalist. Seine Theaterarbeiten waren unter anderem am Schauspiel Frankfurt, Theater Basel, Düsseldorfer Schauspielhaus, Schauspielhaus Wien und am Maxim Gorki Theater zu sehen. 2011 war er für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Zuletzt inszenierte er am Theater Basel die Uraufführung seines Stückes „Revolution in St. Tropez. Stück für die linke Hand“ - über die Anarchistin Emma Goldman.

 

Пока́!

Beitrag von Alban Werner, geschrieben am 15.06.2018

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Menschen schaffen ihre Kultur selbst, aber sie tun es nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen Umständen. Der konservative New York Times-Kolumnist Ross Douthat bemerkte anlässlich des Revivals der wegen eines rassistischen Tweets seiner Hauptdarstellerin schon wieder eingestellten Sitcom „Roseanne“, dieses bezeuge, wie stark im „Westen“ unser kollektives Vorstellungsvermögen von den sogenannten Baby-Boomern, den geburtenstarken Jahrgängen der Nachkriegszeit, geprägt seien. Nicht nur in kapitalismustheoretischen Debatten dient der Fordismus als Folie, auf der das Neue studiert und vermessen wird. Auch Motive, Erzählweisen sowie die Helden- und Schurkentypen, die uns heute in Superhelden-Filmen, romantischen Komödien oder Thrillern begegnen, hatten ihre Geburtsstunde in dieser Zeit. Douthat vermutet, dass die als Glanzzeit des Kinos betrachtete „New Hollywood“-Ära sich im Fernsehen mit den „Sopranos“ oder „The Wire“ bis in die aktuelle Ära des „Peak-TV“ — dem Allzeithoch qualitativ hochwertiger TV-Erzählformate — fortsetzt. Nur dauerte es auf den heimischen Bildschirmen länger, bis ausreichend große Marktnischen für anspruchsvollere Serien dieser Art entstanden waren. Inzwischen sprechen viele schon von kreativen Ermüdungserscheinungen, die an den erwähnten Revivals einerseits und an immer mehr Historien-Filmen andererseits sichtbar würden. Der Mangel an Einfällen und dünne Figurenzeichnungen würden durch oberflächliche Reize von Settings der 1960er oder 70er Jahren auszugleichen versucht: Nostalgie als Ersatz für Originalität.

Bruch mit Sehgewohnheiten und herkömmlichen Identifikationsangeboten

Für „The Americans“, deren letzte Folge Ende Mai in den USA lief, gilt dies nicht. Die Serie von Joe Weisberg über zwei sowjetische Spione, die in den 1980ern Jahren getarnt als gewöhnliches Ehepaar, die ein kleines Reisebüro in Washington D.C. betreiben, lief ab 2013 auf dem kleinen US-Sender FX. Bei den Emmys wurde die Serie trotz einhelliger Lobeshymnen der KritikerInnen immerzu ausgestochen. Sie zeigt jedoch genau dort ihre Stärken, wo inzwischen die Ermüdungserscheinungen von „Peak-TV“ diagnostiziert werden. Die Serie recycelt ein vertrautes Thema und belebt eine inzwischen gerne verklärte Vergangenheit wieder, indem sie den maximal vertrauten, wichtigsten geopolitischen Konflikt des 20. Jahrhunderts als bekannten Hintergrund vorstellt, um dann radikal mit gängigen Sehgewohnheiten zu brechen.

Hauptdarstellerin Keri Russell als Elisabeth Jennings war als Hauptdarstellerin von „Felicity“ nachgesagt worden, durch das Abschneiden ihrer lockigen Haarpracht habe sie zum Quotenrückgang der Serie beigetragen.

In „The Americans“ praktiziert sie nun den denkbar radikalen Bruch mit weiblichen Schönheits- und Verhaltensnormen. Von der ersten Szene an ist sie in etlichen Verkleidungen beim Verführen, Verfolgen, Erpressen und Töten von Zielpersonen zu sehen. Von Anfang an zeichnet sich ein Konflikt mit Co-Spion und Ehemann Philip Jennings (Matthew Rhys) ab, der ihre glühende Treue zur Sowjetunion nicht mehr so teilt wie noch zu Beginn ihrer Mission.

Bemerkenswert ist, wie dieser Serie im Großen und im Kleinen immer wieder ein Brechen mit Sehgewohnheiten gelingt, die erst als solche bewusst werden, wenn gegen sie verstoßen wird. Es fällt auf, wie ungewöhnlich es ist, in Film-Konflikten mit beiden Parteien mit zu fiebern. Für gewöhnlich braucht es HeldInnen oder zumindest Anti-HeldInnen. The Americans lädt jedoch gleichermaßen zur Identifikation mit dem spionierenden Paar wie mit dem FBI-Agenten Stan Beaman ein, der ausgerechnet genau gegenüber von Familie Jennings einzieht und zu Philips bestem Freund wird. Sein Schicksal lässt einen ebenso wenig los wie das der russischen Botschaftsangestellten Nina Sergeevna Krilova, mit der Stan eine Affäre beginnt. „The Americans“ ist von Anfang bis Ende von moralischen Ambivalenzen, von Lügen, Betrug und verblüffenden Schachzügen geprägt. Sie lassen die ZuschauerInnen immer wieder ebenso bewegt wie hilflos zurück.

In Kommentaren wurde immer wieder zu Recht hervorgehoben, dass es bei „The Americans“ unter dem Mantel von Spionage eigentlich zuvorderst um „zeitlose“ Themen wie Partnerschaft, Elternschaft, Loyalität und Weltanschauung im wahrsten Sinne des Wortes geht. Wie bei vielen anderen, sehenswerten Hervorbringungen aus dem großen Kosmos der Baby Boomer-Kultur erhalten zwischenmenschliche Konflikte gerade dadurch eine besondere Dringlichkeit, dass sie von außergewöhnlichen ProtagonistInnen durchlebt und bewältigt werden müssen. Vielleicht ist das eigentlich Emanzipatorische an dieser Erzählstruktur, dass sie säkulare HeldInnen schuf, die trotz oder wegen ihrer übermenschlich anmutenden Fähigkeiten immer wieder auf allzu menschliche Schwächen und Verwundbarkeiten zurückgeworfen werden. Genau in diesem Sinne werden die Verpflichtungen von Elisabeth und Philip nicht nur gegenüber der Sowjetunion, sondern auch zueinander immer wieder auf die Probe gestellt. Es ist zugleich ernüchternd, faszinierend und manchmal erschreckend zu beobachten, dass zwei Menschen so stark aufeinander angewiesen sind, einander so blind vertrauen können müssen und trotzdem voreinander Geheimnisse haben.

Queering the spy. Über das Unterlaufen traditioneller Geschlechterarrangements

Nur scheinbar unthematisiert bleibt das Spannungsfeld von Freundschaft und Partnerschaft. Denn durch das geheimdienstliche Arrangement der Beziehung ist es das eigentliche Thema, das hier auf dem Weg zu alternativen Beziehungsformen, im Gewand der heteronormativen Ehe mitdiskutiert wird. Handlungsstränge, die das Paar mit ihren Kindern Paige und Henry zeigen, wirken als authentische Familienkonflikte. Diese sind dabei von einer Doppelbödigkeit, die der Serie erst ihre emotionale Tiefe verschafft. Ein anderes wiederkehrendes Thema der Serie ist Schuld, die auf sich geladen, hingenommen und verdrängt wird, um umso heftiger zum späteren Zeitpunkt wiederzukehren. Dabei kommt nicht nur die Sowjetunion oftmals schlecht weg. Neben dem Blutzoll des KGB werden auch die blutigen Interventionen der Reagan-Ära zugunsten der Contras in Nicaragua oder die Parteinahme für das Apartheid-Regime in Südafrika thematisiert. Biologische Waffen und die Rüstungswettläufe dienen ebenfalls als zeitgenössischer Hintergründe von Geheimdienst-Aktivitäten beider Seiten.

Zugleich erhielt die Serie ungeahnte Aktualität durch den „neuen Kalten Krieg“ zwischen Putins Russland und dem „Westen“, der zuerst in Stellvertreterkriegen in der Ukraine und im Nahen Osten, später dann durch Cyber-Angriffe und Einflussversuche auf Wahlen ausgefochten wird. Wie das permanente Misstrauen unter hochgerüsteten und geopolitisch aktiven Großmächten Freund- und Liebschaften zerreißt, Beziehungen unter dem Vorzeichen der Lüge und Vorteilsnahme entstehen lässt, Existenzen ruiniert und Seelen in den Abgrund zieht, hat „The Americans“ brillant in serielle Erzählkunst gegossen. Im Kino bekommen wir bei „James Bond“ oder „Mission Impossible“ meistens die Schauwerte von Verfolgungsjagden, Schlägereien und großer Materialzerstörung als Markenzeichen der Geheimdienste vorgeführt.

Am gleichen Thema erschließt „The Americans“, obwohl dort abgesehen von den Zerstörungsorgien, die genannten Zutaten durchaus auch in realistischerer Dosierung und Darstellung vorkommen, die Mikrophysik vom Schaffen, Beschützen, Entwenden, Verraten oder Verändern von Geheimnissen, und was die damit verbundenen Sozialtechnologien mit unserer sozialen Existenz und unserem Innenleben anrichten.

Als wollte die Serie uns versichern, dass ihren emotionalen Kern zwischenmenschliche und inneren Konflikte und nicht die Spionage-bezogenen Zittermomente ausmachen, lässt sie uns am Ende mit einigen offenen Fragen zurück. Auf den ersten Blick ist es die mit Politthriller-Elementen angereicherte Geheimdienst-Geschichte, die nicht auserzählt wird, und bei der wir die Abwicklung nur durch Abgleich mit dem realen Lauf der Dinge erahnen können. Die Serienhandlung endet schließlich 1987. Auf den zweiten Blick sind die tiefer bohrenden offenen Fragen jedoch diejenigen, die die Protagonisten menschlich betreffen, eben Fragen der Bewältigung von Verlust, Ungewissheit, Enttäuschung, Loyalität und Verrat – alles Facetten emotionaler Zerrissenheit, die „The Americans“ wie kaum eine andere Serie zur manchmal grausamen Perfektion durchgespielt hat. Diese Momente sind es, die den Abschied so schmerzlich machen und uns gerade dadurch ins Bewusstsein rufen, was für eine grandiose Geschichte uns sechs Jahre lang erzählt wurde.

Пока́, „The Americans“!

Zwei Wünsche für die Serie dürfen in diesem Abschiedsgruß nicht fehlen. Einmal ist ihr ein größeres Publikum zu wünschen. Vielleicht mausert sie sich mit Verspätung posthum zum „sleeper hit“, der durch Mundpropaganda seine Kreise zieht und hoffentlich ein Vielfaches seiner bei Erstausstrahlung erreichten überschaubaren ZuschauerInnenzahl findet. Ein noch größeres Kompliment an diese Serie wäre, wenn sie viele AutorInnen inspirierte, mehr vielschichtige und zugleich eindringliche Stories mit so prägnanten Charakteren zu schaffen. Dafür müssten sich Sender bzw. Streaming-Plattformen finden, die diese Geschichten unters Volk bringen. Die Initiative „Kontrakt 18“, mit der deutsche DrehbuchautorInnen sich endlich gegen das bislang übermächtige deutsche „Redakteursfernsehen“ auflehnen, markiert vielleicht einen Aufbruch in diese Richtung.

Die größte Errungenschaft wäre jedoch, wenn künftig die Vorstellungswelt der Baby Boomer, die „The Americans“ für ihre Geschichte bis zum Anschlag ausgereizt haben, endlich häufiger verlassen würde, um die Komfort-Zone des Publikums stilistisch und in den Erzählmotiven stärker zu überschreiten. In einer Zeit, in der das Bekannte schon in etlichen Variationen erzählt worden ist, besteht kreative Leistung darin, das noch Unverstandene, Unbewältigte in glaubwürdige Figuren und ihren Konflikten erzählerisch zu verdichten, und die Widersprüche unserer Zeit noch mutiger zu erschließen. Neue Bezugspunkte für künftige Erzählwelten zu ermöglichen, ist im kulturellen Feld vielleicht die hegemoniepolitische Aufgabe schlechthin. Dazu, dass das kulturelle Gewicht der Baby-Boomer nicht für immer wie ein Alp auf unseren Gehirnen lastet, dazu haben „The Americans“ einen großen Beitrag geleistet.

Alban Werner ist Politikwissenschaftler und ernsthaft süchtiger Serienjunkie aus Aachen.

Gegen die eigene Verfassung

Beitrag von Moritz Krawinkel, geschrieben am 31.05.2018

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Edgardo Lander ist Universitätsprofessor an der Universidad Central de Venezuela und Partnerforscher am  Transnational Institute. Seit Jahren er mit den sozialen Bewegungen und der Linken in seinem Land verbunden. Moritz Krawinkel von medico international* sprach mit ihm über das Verhältnis zwischen Demokratie und dem Bolivarischen Staat, über die Rolle der internationalen Linken und zukünftige Szenarien für Venezuela.

Moritz Krawinkel (medico): Was ist Venezuela? Ist es eine Militärdiktatur, wie manche behaupten, oder eine Sozialistische Republik, wie andere meinen?

Edgardo Lander: Ich glaube, dass sich Venezuela zunehmend in eine autoritäre Richtung bewegt. Das hat vielerlei Komponenten und Dimensionen. An erster Stelle stehen sicher die Parlamentswahlen von 2015, die die Regierung verloren hat. Die Opposition kontrollierte infolge der Wahlen zwei Drittel der Nationalversammlung, konnte Mitglieder des Obersten Gerichtshof und des Nationalen Wahlrats ernennen und Verfassungsgesetze verabschieden. Ihre qualifizierte Mehrheit reichte, um darüber nicht mit der Regierungsfraktion verhandeln zu müssen.

Die Regierung musste wählen zwischen dem eigenen Machterhalt im Namen der Revolution und dem Respekt gegenüber der Bolivarischen Verfassung von 1999 und ihrem demokratischen Gehalt, also auch dem Respekt vor dem Wählerwillen.

Es ist offensichtlich, dass die Regierung sich für den Machterhalt entschieden hat. Weil wir uns in einer „Revolution“ befinden ist die Achtung vor der Verfassung – und sei es die eigene – zweitrangig. Man musste die „Revolution“ verteidigen, koste es was es wolle. Der Preis war, den institutionellen Entwurf des bolivarischen Prozesses, also die Verfassung von 1999, links liegen zu lassen. Und damit die einzigen Spielregeln über die die venezolanische Gesellschaft verfügt.

Krawinkel: Welche Konsequenzen hat dieser Bruch der Spielregeln?

Lander: Was folgte war die Annullierung der Wahl von vier Abgeordneten im Bundesstaat Bolívar. Man hat ein Telefongespräch einer öffentlichen Angestellten aus besagtem Bundesstaat aufgenommen, in dem sie gesagt haben soll, dass Wähler bezahlt worden seien, um für die Opposition zu stimmen. Zwei Jahre danach ist dieser Bundesstaat noch immer nicht im Parlament vertreten. Es fand weder eine Untersuchung statt noch wurden neue Wahlen abgehalten. Der Opposition wurde mit diesem Schachzug schlichtweg die qualifizierte Mehrheit aberkannt.

Ab diesem Zeitpunkt traf die Regierung gravierende Entscheidungen auf institutioneller Ebene, auch hinsichtlich zukünftiger Wahlen. Denn unmittelbar nach den Parlamentswahlen und noch bevor die neue Nationalversammlung verabschiedet wurde, was im Januar 2016 passieren sollte, ernannte die alte Nationalversammlung überhastet die Mitglieder des Nationalen Wahlrates und die Gesamtheit der Mitglieder des Obersten Gerichtshofs. Diese vorschnellen Ernennungen verstießen gegen das Gesetz. Es wurde ein Wahlrat ernannt, in dem vier der fünf Vertreter auf Seiten der Regierung stehen, und es wurde ein Oberster Gerichtshof zusammengestellt, der zu hundert Prozent für die Regierung ist.

Dann bevollmächtigte der Oberste Gerichtshof Präsident Maduro dazu, seinen Jahresbericht und den Etat für das kommende Jahr nicht der Nationalversammlung vorlegen zu müssen, sondern dem Obersten Gerichtshof – obwohl dieser weder über die notwendigen Kompetenzen noch die technische Ausstattung verfügt, um einen Haushalt zu evaluieren. Dennoch erhielt er die Unterlagen und bewilligte sie ohne jegliche Diskussion.

Krawinkel: Also alles um letztlich den Präsidenten zu stärken – auf Kosten der Demokratie und der Verfassung.

Lander: Der venezolanischen Verfassung zufolge kann der Präsident im Falle eines ökonomischen Notstands einen Ausnahmezustand ausrufen und zeitweise mit besonderen Befugnissen regieren. Dafür gibt es aber zwei Bedingungen: Erstens muss das innerhalb kurzer Zeit von der Nationalversammlung bewilligt werden. Zweitens gibt es eine zeitliche Begrenzung. Maduro aber rief den Ausnahmezustand im Februar 2016 aus, ohne die Versammlung um Erlaubnis zu ersuchen und jedes Mal, wenn die Maximaldauer überschritten wird, verlängert er eigenmächtig seine besonderen Vollmachten.

Diese Entscheidungen für sich allein genommen erwecken immer den Anschein, dass es schon nicht so schlimm ist. Aber alle zusammengenommen, kann man eine autoritäre Führung ausmachen, die als Ziel die totale Kontrolle des Staates hat.

Krawinkel: Du sagtest, dass dieser Prozess mit den verlorenen Wahlen im Jahr 2015 anfing. Gab es davor Anzeichen für diese Wendung hin zum Autoritären?

Lander: Man kann ohne Zweifel ab diesem Zeitpunkt einen Bruch mit dem verfassungsrechtlichen Rahmen feststellen. Aber die autoritäre Tendenz existierte bereits zuvor. Von Anfang an war der bolivarische Prozess von sehr starken Widersprüchen durchzogen. Ein grundlegender Widerspruch bestand zwischen der Ausweitung der Demokratie auf der einen und der Konzentrierung der Macht auf der anderen Seite. Erstere erfolgte nicht nur in Form von Verfassungstexten, sondern ebenso anhand der konkreten öffentlichen Politik in den Anfangsjahren. Vor allem infolge von  Putschversuch und Ölstreik in den Jahren 2002/2003  hat es einen sehr mächtigen Organisierungsprozess an der Basis gegeben.

Gleichzeitig hatte seit Beginn der Regierung von Hugo Chávez das Militärische ein sehr starkes Gewicht, das mit der Zeit stetig zunahm. Es gibt einen sehr starken Widerspruch zwischen einer demokratischen Kultur der Teilhabe und einer militärischen Kultur, die von Natur aus von Vertikalität und Gehorsam geprägt ist. Je mehr das  Militärische in den Strukturen des Staates präsent ist, desto mehr werden demokratische partizipative Mechanismen ausgebremst.

Krawinkel: Es scheint, dass in Venezuela letzten Endes, und trotz des Diskurses über einen revolutionären, von unten nach oben angestoßenen Prozess, die gleiche Erfahrung der etatistischen Linken seit jeher gelebt wird: Nicht zu wissen, wie ein produktiver Umgang  mit dem bereits genannten Widerspruch zwischen umfassender Demokratisierung und Machtkonzentration aussehen kann.

Lander: Einerseits stieß die Regierung Prozesse der Basisorganisierung und Demokratisierung an, die Millionen von Menschen umfassten. Man darf nicht verkennen, dass dies auch Prozesse waren zur Erlangung von Würde, zur Teilhabe, zur Herausbildung eines Zugehörigkeitsgefühls und des Eindrucks, dass man die Fähigkeit besitzt, auf das eigene Leben und Schicksal des Landes einwirken zu können.

Letztendlich wurde ausgehend vom Staat das juristisch-institutionelle Gerüst für den poder popular, die Volksmacht, geschaffen. Zusammen genommen waren es fünf oder sechs Gesetze, die den poder popular praktisch in einen Teil des Staates verwandelten. Das bedeutete wieder starke Ambivalenzen: Zum einen bestärkten die Gesetze den autonomen poder popular, zum anderen schrieben sie vor, dass poder popular als Teil des Staates zu verstehen sei. Dieser Widerspruch wurde nie aufgelöst. Ein weiterer ungelöster Widerspruch betrifft die Consejos Comunales, die Kommunalen Räte. Sollen sie Organisierungsbasis des neuen sozialistischen kommunitären Staates sein – unter Teilhabe der Gesellschaft als Ganzer – oder sind sie chavistische, also partikulare Organisationen?

Von Anfang an verschwamm diese Grenze zwischen dem Öffentlich-Staatlichen und dem Politisch-Parteiischem. Die Grenze wurde als eine bürgerliche Trennung wahrgenommen, die für die Revolution keinen Stellenwert besaß. Zur Folge hatte dies die politische Kontrolle des Staates, das Sektierertum und die Nutzung öffentlicher Ressourcen durch die chavistische Regierungspartei PSUV. Damit wurden auch die strukturellen Bedingungen für die Korruption geschaffen.

Krawinkel: Trotz alledem existiert nach wie vor eine sehr starke internationale Solidarität mit Venezuela.

Lander: Ich glaube, das hat total perverse Auswirkungen. Aus Perspektive der kritischen Akteure der venezolanischen Linken sieht das ganz klar nicht nach einer Solidarität mit dem Volk aus, sondern nach einer mit der Regierung Maduro. Eine Solidarität mit Maduro die sich gegen das venezolanische Volk richtet. Das wiegt sehr schwer, weil er dadurch Legitimität bekommt. Wenn man liest was Ignacio Ramonet, Gründer von Attac, Le Monde Diplomatique und den Weltsozialforum, oder Intellektuelle der lateinamerikanischen Linken wie Atilio Borón so schreiben, dann beschreiben sie ein Land, das lediglich in ihren Köpfen existiert. Und das nicht wegen fehlender Informationen, sondern weil es eine Frage des Glaubens ist.

Ein zentrales Merkmal eines Teils der lateinamerikanischen Linken ist die Vorstellung, dass der Hauptwiderspruch unserer Zeit derjenige zwischen Imperialismus und Anti-Imperialismus wäre. Und Venezuela stünde im Fokus dieser Auseinandersetzung, weswegen alles weitere zweitrangig würde. Damit verschwindet die Möglichkeit einer kritischen Reflexion über das was in den letzten Jahren in Venezuela passiert ist und die Möglichkeit, über die lateinamerikanische Erfahrung der sogenannten progressiven Regierungen im Allgemeinen zu sprechen.

Krawinkel: Wenn wir jetzt von deiner Beschreibung ausgehen, welche möglichen Szenarien siehst du auf mittlere Sicht für Venezuela?

Lander: Es gibt gerade zwei mögliche Szenarien. Das erste ist das der externen Intervention – ich glaube nicht, dass das eine reelle Möglichkeit ist. Die andere Möglichkeit einer Volkserhebung finde ich schwierig aufgrund der folgenden Aspekte: Ihre massenhaften und wiederkehrenden Ausdrücke wie Plünderungen, Gewalt usw. werden zwar weitergehen. Aber ich sehe nicht, dass es ein landesweites gleichzeitiges Ereignis geben wird, das in der Lage wäre, eine Transformation oder einen Regierungswechsel anzustoßen. Aktuell gibt es keine Führungskräfte, die über ausreichend Anerkennung im Volk verfügen. Es ist daher wahrscheinlicher, dass das alles in einem Massaker, in einer massiven Repression enden würde. Was bleibt also? Es bleiben der militärische Ausweg oder Wahlen.

Die Lösung via Wahlen ist blockiert, weil die Regierung Wahlen lediglich dann durchführen lässt, wenn sie weiß, dass sie sie auch gewinnen wird und die totale Kontrolle über die Situation hat. Wenn die Regierung Wahlen abhält, entscheidet sie, wer daran teilnehmen darf und wer nicht und unter welchen Umständen sie es dürfen. Der emblematischste Fall dieser Logik ist der Fall um Marea Socialista, eine linke Abspaltung der PSUV. Um an den Wahlen teilnehmen zu können, muss sich eine Partei vor dem Nationalen Wahlrat registrieren und einer Fülle an Anforderungen nachkommen. Als Mare Socialista alle erforderlichen Dokumente eingereicht hatte, ging Monat um Monat vorüber, ohne dass der Nationale Wahlrat ihnen überhaupt geantwortet hätte. Als sie es schließlich taten, sagten sie, dass Marea Socialista nicht nach einem Namen für eine Partei klingen würde, sondern nach einem politischen Slogan. Sodass sie jetzt keine Bewilligung haben und als Organisation an keinem einzigen Wahlprozess teilnehmen können.

Der militärische Ausweg ist kompliziert. In den Streitkräften gibt es viel Unmut. Die untersten Ränge leben in der gleichen Situation wie der Rest der venezolanischen Bevölkerung. Die Gehälter sind zu niedrig zum Überleben, es gibt keine Essens- und Medikamentenversorgung. Die meisten Militärs sind Männer. Ihre Frauen leiden unter der Schwierigkeit, die Kinder zur Schule zu bringen, wenn es keinen öffentlichen Transport gibt und haben Schwierigkeiten, Lebensmittel zu bekommen.

Zeitgleich hat das venezolanische Militär eine sehr große Anzahl Generäle. Und die militärische Führungsriege trägt eine direkte Mitverantwortung für die verallgemeinerte Korruption, die die derzeitige Regierung charakterisiert. Es ist, größtenteils, eine Militärregierung: Ein Drittel der Minister und ein Drittel der Gouverneure sind Militärs. Die Verantwortlichen in denjenigen staatlichen Institutionen, in denen es am meisten Korruption gibt, sind größtenteils aktive oder pensionierte Militärs. Das macht es eher unwahrscheinlich, dass sich in den höheren Militärrängen eine Opposition gegen die Regierung formiert.

Krawinkel: Woran hältst du dich angesichts dieses pessimistischen Ausblicks fest, um nicht gänzlich die Hoffnung zu verlieren?

Lander: Meine einzige Quelle von Hoffnung ist die Tatsache, dass die aktuelle Krise derart brutal ist, dass die venezolanische Gesellschaft sich aus der jahrzehntelangen Verhexung durch das Öl befreien kann, von der Idee, dass Venezuela ein reiches Land wäre; davon dass der Staat für immer die Kapazitäten besäße, den Bedürfnissen der Bevölkerung nachzukommen. Diese Vorstellung könnte an ihr Ende kommen. Wird dies aber nach hundert Jahren Rentenökonomie aus dem räuberischen Öl-Geschäft die Möglichkeit schaffen, das Land neu zu denken?

Im Moment leben wir in einer Situation der Ohnmacht, der Abwesenheit einer Zukunftsvision, was letztlich zur Determinierung alles anderen führt. Aber alle vorherigen Prozesse der gesellschaftlichen Erlangung von Würde, der Organisierung und des Empowerment als gelebte Erfahrung lassen sich nicht auslöschen. Wie ist es also davon ausgehend möglich, diese Erfahrungen wiederzuerlangen, diese Vitalität der Transformation nicht zu vergessen, sondern wiederzuerlangen?

Krawinkel: Vielen Dank, Edgardo.

 

*medico international ist eine Hilfs- und Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Frankfurt am Main. Seit mehr als 40 Jahren leistet medico international Hilfe für Menschen in Not und arbeitet an der Beseitigung der strukturellen Ursachen von Armut und Ausgrenzung. 1997 wurde die von medico international initiierte Internationale Kampagne zum Verbot von Landminen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Transkription, Redaktion und Übersetzung: Timo Dorsch

 

„Feminismus ist kein Schreckwort, mit dem man die Arbeiterklasse verliert.“

Beitrag von Thomas Ostermeier & Katja Kipping, geschrieben am 25.04.2018

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Katja Kipping: Du hast eine Bühnenfassung von dem auch in der Linken in Deutschland viel diskutierten Buch Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ entwickelt, die zur Zeit in der Schaubühne läuft. Gibt es Interpretationen von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“, die Dich ärgern?

Thomas Ostermeier: Ja natürlich. Der ärgerlichste Fehler, der auch von Linken gemacht wird, ist Identitätspolitik gegen die soziale Frage auszuspielen. Die Behauptung, die Linken hätten sich zu viel mit Identitätspolitik beschäftigt und nun muss mal Schluss damit sein, dass man über Unisex-Toiletten und Feminismus redet … sowas ärgert mich und es ärgert auch Didier. Er erwähnt das in jedem Gespräch. Man muss für beides kämpfen und beides verknüpfen. Dass sich „Rückkehr nach Reims“ besonders der Klassenfrage widmet, lässt nicht den Umkehrschluss zu, dass deswegen alle anderen Fragen unwichtig seien. Zudem stecken auch in seinem Buch ganz viele identitätspolitische Fragen. Seien es die Referenzen an James Baldwin und den Kampf der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung oder an Didiers eigene Geschichte als homosexueller Mann.

Kipping: Behauptungen à la „Wenn der Feminismus zu laut wird, schreckt dass die Arbeiterklasse ab“ sind also eher eine Projektion der eigenen Vorurteile?

Ostermeier: Ich glaube, dass Eribons Buch sehr gut ein Manko von Teilen linker Theorie beschreibt: Indem man die Arbeiterklasse als Vorhut einer zukünftigen, besseren Gesellschaft sieht, wird die Arbeiterklasse mythologisiert. Auch bevor Eribons Familie und viele andere im Norden Frankreichs begannen Front National zu wählen, auch als sie noch überzeugte Kommunisten waren, dachten sie frauenfeindlich und homophob. Diese Zerrissenheit zwischen der Verklärung der Arbeiterschaft durch seine trotzkistische Partei und der Distanz zu seiner eigenen Familie aus der Arbeiterklasse versteht Eribon mit dem Abstand von 30 Jahren. Das kann man eben auch nicht generalisieren im Sinne von: Feminismus ist ein Schreckwort, mit dem man die unterprivilegierten Schichten der Bevölkerung für seine politische Sache verliert. Ich glaube es gibt — vielleicht weniger offen — in allen Klassen Frauenfeindlichkeit.

Kipping: Einer der positiven Effekte von „Rückkehr nach Reims“ ist hierzulande, dass auf einmal Klassenfragen überhaupt wieder thematisiert werden. Wenn man aber fragt: „Sind sie Teil der Arbeiterklasse?“, sagen Leute immer noch eher: „Ich bin Angestellte oder ich bin Pfleger*in.“ Das Problem bleibt, dass sich mit dem Begriff Arbeiterklasse nicht alle, die dazu gehören, gemeint fühlen. Wie lässt sich das ändern?

Ostermeier: Ich halte mich da an die Marx‘sche Definition: Wenn ich nicht mehr als meine Arbeitskraft zu verkaufen habe, um für ein Dach über dem Kopf und für Essen auf dem Tisch zu sorgen, gehöre ich dazu. Wenn ich kein Eigentum an Kapital oder Produktionsmitteln habe, bin ich Arbeiterklasse. Vielleicht ist der Begriff schwierig, weil er historisch belastet ist und manche sofort an die DDR denken. Das ist ein historisches Erbe, das der Begriff auch mitbringt. Ich mag den Begriff trotzdem, weil ich mich daran freue, wie die Leute zusammenzucken. Ich war neulich vom Handelsblatt zu einem Gespräch über Macht eingeladen. Da war unter anderem die Schriftstellerin Thea Dorn. Ich sprach dort auch über die Linke – die gesellschaftliche Linke, nicht die Partei. Frau Dorn war furchtbar irritiert: Was denn ‚die Linke‘ sei? Sowas gäb‘s doch gar nicht mehr. Eribon sagt dazu: „Wenn Leute davon reden, dass es Rechts und Links nicht mehr gibt, dann ist es immer ein von der Rechten installierter Diskurs.“ Sieht man ja auch bei der Realpolitik von Macron, der den alten Rechts-links-Gegensatz hinter sich gelassen haben will und dabei ganz klar rechte Politik macht: Sozialabbau und rassistische Politik gegen Geflüchtete plus Interessenspolitik für die besitzende Klasse Frankreichs.

Kipping: So lange man bei Klassenkampf an SED und an Freiheitsbeschränkungen dachte und nicht an kämpferische Emanzipation war das ein Problem für die Linke. Das hat sich verbessert. Trotzdem bleibt die Schwierigkeit: Bei Arbeiterklasse denken alle an den Arbeiter im Blaumann bei VW am Fließband und die Krankenpfleger*innen im weißen Kittel fühlen sich nicht angesprochen. Ich verwende ja den Marx‘schen Klassenbegriff wie Du, ich würde immer noch dazusagen: auch Erwerbslose, Soloselbstständige, Prekarisierte, Illegalisierte, Laptop-Arbeiter*innen und Fabrikarbeiter — sie gehören alle dazu. Ich habe neulich mit Frigga Haug darüber diskutiert, provokativ von der „Klasse der Enteigneten“ zu sprechen. Denn das haben alle, die nur ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben, gemeinsam: Sie werden permanent enteignet. Um die Früchte ihrer Arbeit, um das, was ihnen zusteht, gebracht. Man sieht das beispielsweise an den explodierenden Mieten. Da werden alle enteignet, egal ob sie in Hartz IV sind oder über ein mittleres Einkommen verfügen. Wenn die Miete höher ist als das, was du bekommst, musst du dir das Wohnen vom Munde absparen. So lässt sich der Enteignungsbegriff nämlich auch verstehen: Wir Linke stellen die Eigentumsfrage, aber die Enteignung der Massen findet nicht durch uns statt, sondern durch die Kapitalseite.

Ostermeier: Aber was ist euer politisches Projekt dahinter?

Kipping: Zunächst: Verbindungen herstellen. In der politischen Praxis entsteht Solidarität ja oft gerade da, wo die, die noch nicht direkt betroffen sind, merken: sie könnten betroffen sein. Der Pflegenotstand trifft nicht nur die Beschäftigten, sondern alle, die ins Krankenhaus müssen und alle mit pflegebedürftig werdenden Eltern. Alle, die keine Millionär*innen sind, sind auf ein funktionierendes Pflege- und Gesundheitswesen angewiesen. Es geht uns darum, die verbindenden Interessen in den Mittelpunkt zu stellen, die sonst immer gespalten werden.

Ostermeier: Nun ist Klasse aber das eine, Klassenkampf noch mal was anderes. Wir haben ja derzeit keinen Klassenkampf …

Kipping: … Wir haben einen Klassenkampf von oben.

Ostermeier: OK, aber keinen Klassenkampf der Arbeiterklasse von unten.

Kipping: Wir erleben zumindest eine Zunahme von Kampfeslust. Am Beispiel der Pflege: Leute in diesen Berufen arbeiten da aus tiefster Überzeugung, weil sie Menschen helfen wollen. Sie waren bisher deshalb ein wunderbares Opfer für Ausbeutung. Jetzt signalisieren mir immer mehr Pflegende, dass sie sich das nicht mehr gefallen lassen. „Die Profite steigen doch, warum soll ich das jetzt ausbaden? Die Patient*innen können nichts dafür, wir wollen sie nicht im Stich lassen. Aber so geht es eben nicht weiter.“ Zurückgefragt: Wie sähe aus deiner Sicht Klassenkampf im 21. Jahrhundert aus?

Ostermeier: Wir stehen an keinem Punkt, wo wir die Überwindung der Klassengegensätze erleben. Aber wenn wir sie einmal erleben, werden jene, denen das Kapital gehört, das nicht so einfach hergeben. Das sieht man bei Siemens: Unglaubliche Dividende dieses Jahr, gleichzeitig werden tausende Arbeitsplätze im Osten Deutschlands gestrichen. Bisher wurde sowas immer damit begründet, dass es der Wirtschaft schlecht geht. Jetzt geht es ihr gut und trotzdem werden Tausende gefeuert. Das ist so ein himmelschreiendes Unrecht! — Parallel sitzt Siemens-Chef Joe Kaeser neben Donald Trump in Davos und macht mit ihm auf „best friend“. Die Verkommenheit kennt offenbar keine Grenzen mehr und das ist dann auch ein Signum dafür, dass wir uns warm anziehen müssen, wenn die Konflikte einmal aufbrechen.

Kipping: Bevor diese Konflikte offen ausbrechen, werden die Herrschenden auf eine andere Strategie abstellen: auf Verunklarung, Diffamierung und Spaltung. Es gibt ja Kämpfe. Nicht nur bei den Pflegekräften, sondern auch bei Amazon, Deliveroo und andernorts. Die gilt es zu stärken und die müssen vor allem zusammengeführt werden. Das ist das klare Ziel der Linken. Rosa Luxemburg hat das „die Maulwurfsarbeit“ genannt. Sie hat der Linken ins Stammbuch geschrieben, dass sie Maulwurfsarbeit machen muss. Wenn es zu Streiks kommt, auch über den jeweiligen eigenen Horizont hinaus denken, ist die Arbeit, die ansteht und die man auch von Gewerkschaften fordern muss. Wir unterschützen den jeweiligen Kampf, denken zugleich über ihn hinaus.

Ostermeier: Dazu gehört aber auch, die Geschichte von Bewegungen besser zu erzählen. Nicht immer nur als Geschichte von Niederlagen. Ich habe mit Alain Badiou darüber diskutiert und damals gesagt: „Was bringt‘s denn weiterzumachen – Occupy hat nichts gebracht, Arabischer Frühling, Taksim, Gezi - alles gescheitert. Da hat mir dieser ältere Herr ganz schön den Kopf gewaschen. Was das für ein furchtbar naiver Ansatz von politischer Veränderung sei? Die Geschichte von gesellschaftlicher Veränderung sei immer erst die Geschichte vom Scheitern und wer sich davon frustrieren lasse, sei nicht für Veränderung gemacht. Man kriegt sie nicht geschenkt, sie geschieht nicht von heute auf morgen.

Kipping: Was ist denn der größte Erfolg von bisherigen Klassenkämpfen?

Ostermeier: Alles, was wir leben: Vom Frauenwahlrecht bis zum Betriebsverfassungsgesetz. Auch wenn wir die 35-Stunden-Woche noch nicht haben — Arbeitszeitregelungen, Mutterschutz, Sozialversicherung, einfach alles, was die Situationen der Arbeitenden verbessert, ist ein Erfolg und wurde erkämpft.

Oder wenn ich an die Geschichte von Willi Hoss in Stuttgart und dessen „plakat-Gruppe“ denke. Da haben sich Anfang der 1970 auf einmal die ausländischen Arbeitnehmer organisiert, während die deutsche Arbeiterschaft sich nicht dafür interessiert hatte, dass diese Arbeiter bisher keine Arbeitnehmer*innenvertretung hatten, weil keiner ihre Sprache sprach. Die stellten erstmals eine eigene Liste auf und jeder hatte im Betrieb auf einmal Ansprechpartner, die Griechisch, Türkisch oder Italienisch sprachen!

Kipping: Gute Gelegenheit über euer Stück zu reden. Die Geschichte von Willi Hoss wird in deinem Eribon-Stück miterzählt und von seiner Tochter, Nina Hoss, vorgetragen. Wie entstand die Idee, die Geschichte des grünen Urgesteins Hoss da einzubringen?

Ostermeier: Erstmal ist er für uns kein grünes Urgestein. Im klassischen Kleinbürgertum war immer die Erzählung: „Die Grünen sind sowieso alles verkappte Kommunisten.“ Ich finde es witzig, dass es im Fall von Willi Hoss sogar stimmt.

Hoss ist vor allem ein Kommunist im zwanzigsten Jahrhundert, der zwei Jahre lang in Kleinmachnow auf die Parteihochschule und dann nach Westdeutschland ging, um den Kommunismus aufzubauen. Doch er war nicht nur im klassischen Sinne ein umtriebiger Kommunist, sondern 1968 auch einer, der aus der Klasse kam, für die er gekämpft hat. Geschichte ist immer die Geschichte der Sieger. Und vor diesem Hintergrund ist es wichtig, auch die Geschichte der historischen „Verlierer“ und ihre Siege zu erzählen.

Einer der Vorwürfe von Nina Hoss Vater an die Studenten von 1968 besteht in einem Zitat eines kommunistischen Parteiführers: „Geht nach Hause, Studenten, morgen seid ihr unsere Bosse und erzählt uns, wie wir mit weniger auskommen und mehr arbeiten müssen.“

Ich finde den Weg, den Hoss genommen hat interessant. Als Schweißer hat er im Rheinland an den riesigen Rheinbrücken, mit dem Kopf nach unten hängend unter gefährlichsten Bedingungen die Schweißnähte erneuert. Sein großer traumatischer Moment ist dann, dass seine kommunistische Partei, die DKP, ihn für seine Kritik am Schweigen zum sowjetischen Einmarsch in Prag von 1968 ausschließt. Und da schließt sich wieder der Kreis: Die Rückschläge hat er nicht als Niederlage erlebt, sondern als Ansporn, aus den Widersprüchen der Geschichte der Linken im zwanzigsten Jahrhundert zu lernen und weiterzugehen. In dieser Biographie ist auch der Umgang mit den Sündenfällen im zwanzigsten Jahrhundert interessant.

Mit diesem Erbe müssen wir als Linke ja auch umgehen. So wie ihr als Linkspartei damit umgehen müsst, dass ihr die Nachfolgepartei der SED seid. Nicht im Sinne individueller Verantwortung, sondern als Frage: Wie positionieren wir uns? Wie erzählen wir diese Geschichte? Übernehmen wir Verantwortung?

Kipping: Als ich damals in die PDS eingetreten bin, wurde mir sehr oft diese Frage gestellt: „Wie kann man in eine Partei mit dieser Geschichte eintreten?“ Für mich war folgendes entscheidend: Ich finde es redlicher, sich einer kollektiven Vergangenheit zu stellen und sich dabei die Frage zu stellen, wie konnte es passieren, dass so hehre Ansprüchen sich in der Praxis in Unrecht verkehrten? Welche Lehre, kann man ziehen, damit das nicht wieder passiert? Eine zentrale Schlussfolgerung für mich lautet, dass Grund- und Freiheitsrechte nie wieder auf dem Altar vermeintlich höherer Ziele geopfert werden dürfen. In der DDR wurde Widerspruch immer mit der Frage abgewürgt: „Willst du den Weltfrieden gefährden?“ Heute klingt etwas Ähnliches an, wenn über Terrorismusabwehr geredet wird.

Deswegen will ich ein klares Streiten für Freiheits- und Grundrechte — in dem Wissen, dass diese einer materiellen Unterfütterung bedürfen, damit sie nicht nur auf dem Papier existieren.

Ostermeier: Noch mal zurück zur Geschichte von Ninas Vater. Ich hatte mir immer gewünscht, dass man sie auf der Bühne verarbeitet und mir war nie klar, wie das gehen sollte.

Das Interessante an der Hoss’schen Familiengeschichte ist ja auch, dass Nina eben nicht da herkommt, wo 90 Prozent der Schüler*innen der bundesdeutschen Schauspielschulen herkommen: Aus diesem wohlgenährten Milieu, wo man sich leisten kann, weil die beiden anderen Kinder Medizin studieren, dass dann eine sowas Verrücktes wie ein Klavier- oder Schauspielstudium machen kann.

Das ist eine dieser Geschichten, die in den Medien selten erzählt werden. Es ist eben nicht die klassische Aufsteiger*innen-Geschichte, die sich als Erfolgsmodell des Kapitalismus oder des Neoliberalismus verkaufen lässt. Im Sinne, jeder hat die Chance. Sie sollte aber erzählt werden als Geschichte im Sinne von: Das ist auch Deutschland. Es gibt  auch ein deutsches Milieu, das sich ganz selbstverständlich im Grillgeruch des Kleingartenvereins versammelt, ohne ausländerfeindlich oder rassistisch zu sein.

Das Proletariat oder die Unterprivilegierten kommen in unseren Medien oft  als fettsüchtige, frauenfeindliche, alkoholkranke oder Kindesmissbrauch betreibende Monster vor. Ein anderes Gesicht der Arbeiterklasse bekommt man im Fernsehen nicht zu sehen.

Das wäre aber wichtig, Geschichten der einfachen Menschen nicht nur, wie in den Polizeiberichten, Geschichte von individuellen Tragödien zu erzählen. Sondern klar zu machen, dass es eine Arbeiterklasse gibt, die nicht defizitär ist. Dass es Biographien in diesen Arbeiterklasse gibt, wo Menschen arm sind, sich aber nicht frauenfeindlich, nicht rassistisch, nicht homophob artikulieren, sondern solidarisch mit Ausländern, Geflüchteten und Transgendern sind.

Kipping: Noch ein Thema, das uns in der Redaktion oft umtreibt, ist das Verhältnis von Politik und Kunst. Der Prager Frühling wurde schließlich nicht zuletzt durch die Kafka-Konferenz inspiriert … Das Verhältnis von Kunst und Politik ist ja von oft ertragreichen Spannungen aber auch von schmerzhaften Missverständnissen geprägt.

Ostermeier: Würdest du das so beschreiben?

Kipping: Ich würde sagen, dass es ohne ästhetische und kulturelle Revolutionen auch keine politischen Revolutionen geben kann. Oder um Heiner Müller zu zitieren: „Die Zeit der Kunst ist eine andere als die Zeit der Politik. Das berührt sich nur selten. Und wenn man Glück hat, entstehen Funken.“ Ich füge hinzu: Zeiten von Umbrüchen sind Zeiten des Funkenflugs.

Ostermeier: Ich finde zunächst mal wichtig, dass sich eine Linke nicht der Avantgarde-Feindlichkeit verschreibt. Das ist ein Problem linker Kulturpolitik. Das sage ich nicht, weil ich hier extrem privilegiert am Ku‘damm sitze und ein gutes Auskommen habe, sondern aus einer echten Sorge heraus. Ich glaube, dass auch in linker Kulturpolitik immer schon der Samen des Reaktionären schlummert. Ich würde immer Stadtteilpolitik, Stadtteilfeste, Stadtbüchereien und Musikschulen verteidigen. Aber ich verteidige nicht einen häufigen Kurzschluss eines muffligen Sozialismusverständnisses, dem avantgardistische Kunst nur als die Darlings der Kulturbourgeosie erscheint. Ich finde es total wichtig, dass sich von Luigi Nono über Malewitsch und Meyerhold die Avantgarde der Kunst mit der Avantgarde der Politik verbindet.

Ein Künstler wie Luigi Nono, war ja ein erklärter Klassenkämpfer, gleichzeitig künstlerisch ein totaler Avantgardist, dessen Kunst so dekonstruktivistisch und formalistisch ist, dass sie zunächst der Arbeiterklasse nicht immer näher zu bringen ist. Es geht darum, dass man sie nicht deswegen drangibt, sondern eine Gesellschaft schafft, in der alle die Leistung dieser Kunst verstehen und vielleicht sogar genießen können. Wenn das Bürgertum, das in weiten Teilen ziemlich beschränkt ist, das kann, dann kann das die Arbeiterklasse schon lange. Wenn man sie in einen gesellschaftlichen Umstand bringt, das erleben zu können.

Kipping: Das erinnert mich an Peter Weiss‘ „Ästhetik des Widerstandes“ ... Drei junge kommunistische  Arbeiter stehen nach einem harten Arbeitstag vor dem Pergamonaltar und versuchen, sich diese Kunst anzueignen. Mit dem  Wissen, was an Unterdrückung in diesem Werk steckt. Und trotzdem, ist diese kulturelle Aneignung – allen Widerständen zum Trotz – Teil ihrer revolutionären Praxis.

Doch Eröffnen wir zum Abschluss noch mal den Blick: Wo siehst Du gegenwärtig ermutigende  Ansätze, wo was in Bewegung kommt?

Ostermeier: Ich finde, das Denken von Didier Eribon, Edouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie in Frankreich sehr spannend. Die drei geben mir Hoffnung. Sie stellen sich ja bewusst in die Tradition von Bourdieu. Dass sie genau diesen Faden aufnehmen und nicht etwa den von Baudrillard, der mal gesagt hat: „der Irakkrieg hat gar nicht stattgefunden“, und dann in der völligen Verirrung gelandet ist, macht mir Mut. Mir macht Mut, dass sie an eine materialistische Tradition anknüpfen, der es um Klasse und um Gesellschaft geht. Sie haben den Mut zu sagen: „Ich komme aus der Armut. Mein Vater liegt krank und arbeitsunfähig im Bett, weil das französische Sozialsystem ihn nach einem Arbeitsunfall gezwungen hat weiter zu arbeiten und das hat ihm den Rest gegeben.“ Sie sagen solche Sätze mit Bestimmtheit und benennen: „Das ist ganz konkrete soziale Gewalt.“ Geoffroy de Lagasnerie denkt in „Verurteilen“ über das Gefängnissystem nach und analysiert das amerikanische Gefängnissystem als Markt, in dem sehr viel Profit gemacht wird. Er zeigt, dass wenn Gefängnisse in privatwirtschaftlicher Hand sind, auf einmal die Zahlen der Verurteilten hoch gehen. Er zeigt, wie stark Systeme des Strafens und Verurteilens mit dem Neoliberalismus verbunden sind.

Ich freue mich über die Passage bei Eribon, in der er zeigt, wie Kultur heute als Distinktionsmittel innerhalb der bürgerlichen Klasse fungiert. Dass man die neueste Opernsängerin kennt und sich leisten kann, nach Mailand zu fliegen, um sie dort in einer Aufführung zu sehen. Wie man sich von anderen in der bürgerlichen Klasse dadurch abgrenzen kann, dass man die Interpretationen in ihren feinen Abstufungen genau wahrnehmen kann. In anderen Traditionslinien französischer Philosophie wird diese Frage überhaupt nicht mehr gestellt. Es geht nur noch um Dekonstruktion von Formen, Narrationen und Subjekten. Nicht mehr darum, in welchem Feld und in welcher Klassensituation sich diese Fragen stellen.

Wenn du mich also nach Hoffnung fragst: Mich macht extrem hoffnungsfroh, dass mit der Krönung von Macron ein anti-macronistisches Trio auftritt, das sich nicht nur in der Polemik ergeht, sondern sehr genau hinschaut. Das macht mir Hoffnung.

„Rückkehr nach Reims“ ist noch bis zum 16. Mai in der Schaubühne zu sehen.

 

Kommentare

  • Klimakatastrophe

    Kommentar von Norbert Brandes Linke Bo
    geschrieben am 30. Apr 2018 22:37

    Wir stehen vor großen Unwettern und
    Ihr befaßt Euch mit solchen Themen.
    Macht Euch Gedanken darüber wie am
    Ende des Kapitalismus, schon bald, unser
    Sozialismus aussehen soll.

Umschalten, Genoss*innen!

Beitrag von Redaktion *prager frühling, geschrieben am 22.01.2018

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In DIE LINKE wird aktuell ein Papier der ostdeutschen Landtagsfraktionen zur Reform des Einwanderungsrechts diskutiert. Eine Podiumsdiskussion dazu haben wir hier dokumentiert. Auch die Genoss*innen von Marx21 greifen die Diskussion auf. Sie starteten mit einem Diskussionsbeitrag von Susanne Hennig-Wellsow und einem von Jules El-Khatib. Auf der Seite der akl ist darüber hinaus ebenfalls ein Beitrag von Ianka Pigors erschiene. Ein Kommentar zum Stand der Debatte.

Eine Linke, die für Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit und eine solidarische Transformation streitet, muss sich zwangsläufig auch zum Faktum der Migration verhalten. Durch die wachsende globale Ungleichheit ist der Lebensort mittlerweile signifikantester Indikator für die Höhe des Einkommens eines Menschen — entscheidender noch als Klassenzugehörigkeit. In liberalen kapitalistischen Gesellschaften wiederum eröffnen und begrenzen Staatsangehörigkeit und Aufenthaltsstatus wie kaum ein anderes Kriterium den Zugang zu bürgerlichen Freiheitsrechten, in Sozialstaaten limitieren sie zudem auch den Zugang zu grundlegenden sozialen Rechten. Dem entsprechend stellen Migrationsbewegungen die seit Entstehung von Nationalstaaten und ihrer Grenzregime virulenten Fragen in neuer Dringlichkeit: Mit welchem Recht schließen demokratische Staaten Menschen vom Aufenthalt auf Ihrem Territorium aus? Und: Welche Rechte sollten Sie im Land lebenden Menschen mit „fremden“ Staatsbürgerschaften gewähren müssen?

Für die politische Rechte aller Schattierungen im Bündnis mit großen Teilen des politischen (Neo)Liberalismus ist dabei das „Recht auf gewaltsamen Ausschluss“ und das „Recht auf Verweigerung sozialer Rechte“ dabei vorausgesetzt. Ausnahmen werden, wenn überhaupt, als Gnadenrechte gewährt, die nach „nationalem“ oder „ökonomischem Interesse“ jederzeit wieder entzogen werden können. DIE LINKE ist die einzige Partei, die in dieser Frage einen grundlegend anderen Zugang hat.

Aufweichung durch Auslegung

In dem verschärften Kulturkampf von rechts geraten aber auch manche Formelkompromisse im Programm von DIE LINKE unter Beschuss. Die richtige Forderung nach „offenen Grenzen” bzw. „offenen Grenzen für Menschen in Not” sind wie jede gute Kompromissformel deutungsoffen. In konkreten Auseinandersetzungen müssen aber positive Forderungen inhaltlich gefüllt werden, sonst werden sie zu Leerformeln. Das kann man derzeit erleben. So interpretiert Sahra Wagenknecht die Forderung nach offenen Grenzen als eine Vision für eine Welt, in der alle Menschen in Wohlstand leben, während Gregor Gysi sie ebenfalls restriktiv lediglich als Gewährung von Reisefreiheit auslegt. Beides sind mögliche Deutungen, allerdings beide am eher unteren Rand des Spektrums vorstellbarer Interpretationen. Einige, die damals für das Programms votierten, hatten dabei sicher anderes vor Augen.

Kämpfe um Migration auf Höhe der Zeit

Es verdankt sich einer Arbeitsgruppe, die im Auftrag der ostdeutschen Landtagsfraktionen eine Konzeption einer linken Flüchtlings- und Einwanderungsgesetzgebung entwickelt hat, die das Recht auf globale Bewegungsfreiheit aller Menschen ernst nimmt und in Forderungen für die konkret stattfindenden Auseinandersetzungen um positives Recht übersetzt. In den Begründungen weisen sie dabei gedanklich jedoch weit über den engen Rahmen positivrechtlicher Reglungen hinaus. Die Forderung nach offenen Grenzen interpretieren sie anders als die benannten restriktiven Auslegungen als Aufforderung, die Logik der geltenden Aufenthaltsrechts vom Kopf auf die Füße zu stellen. Bisher geht das Aufenthaltsrecht wie skizziert von einem „Recht auf Ausschluss” mit an Nützlichkeitserwägungen orientierten Ausnahmetatbeständen aus. Der Entwurf der Arbeitsgruppe dreht diese Logik um. Die Ausschlüsse, nicht das Begehr der Einreise, ist legitimierungs- und begründungspflichtig. Die Verweigerung der Einreise wird im Entwurf auf wenige, einleuchtende Ausschlusstatbestände beschränkt. So kann die Einreise verweigert werden, wenn ihr Zweck Spionage oder die Begehung von Straftaten ist. Gleiches gilt, wenn Einreisewillige Waffen oder Sprengstoff bei sich führen oder für Kriegsverbrechen verantwortlich sind.

Darüber hinaus führt der Entwurf die Wiederherstellung des Grundrechts auf Asyl aus und expliziert den Zugang zu sozialen Rechten für dauerhaft im Land Lebende.

Konservative Revolutionär*innen?

Erfreulich ist, dass alle bisherigen Reaktionen die flügelübergreifende Einigkeit illustrieren, dass das Grundrecht auf Asyl wiederhergestellt werden muss. In anderer Hinsicht überraschen jedoch einige der Reaktionen auf den Diskussionsaufschlag. Sowohl in den Diskussionsbeiträgen von Jules El-Khatib (Marx21) und dem von Ianka Pigors (SAV bzw. Antikapitalistische Linke) wird z.T. mit Scheinplausibilitäten ein in der Konsequenz deutlich restriktiverer Vorschlag für die migrationspolitische Positionierung von DIE LINKE befürwortet.

Pigors Behauptung, das Konzept lege den Schluss nahe, selbst DIE LINKE hätte erkannt, dass Zuwanderungsbegrenzung eine zentrale Aufgabe der heutigen Politik sei, wirft zunächst vor allem die Frage auf, welchen Text sie eigentlich gelesen hat. Den Vorwurf scheint sie zum Glück selbst nicht besonders ernst zu nehmen. Im Widerspruch zum behaupteten Einfallstor für rot-rot-grünen Regierungsträume“ kategorisiert sie den Text als „fantastische, utopische Literatur […] in der wenig populären Form eines juristischen Textes“.

Plausibler scheint Pigors Einschätzung, dass die gesellschaftliche Stimmung [] zurzeit keineswegs so [sei], dass der Gesetzentwurf sofort breite Zustimmung erhalten würde. Nur: Welche Positionen können linke MandatsträgerInnen in Mittelsachsen, Südwest-Mecklenburg oder im pietistischen Bible Belt Schwabens dann überhaupt derzeit noch vertreten? Dass die Kräfteverhältnisse im Bundestag ausschließen, dass ein dem Entwurf entsprechendes Gesetz dort eine Mehrheit finden könnte, trifft schließlich für viele linke Forderungen zu. Nur ist das vor allem ein Argument dafür, mit guten Konzepten und gemeinsam mit sozialen Bewegungen für neue linke Mehrheiten in der Gesellschaft und in den Parlamenten zu ringen. Noch vor einer inhaltlichen Positionsbestimmung auf mögliche parlamentarische Mehrheiten zu schielen, ist dabei eher hinderlich.

Vorwärts im Rückwärtsgang?

Was Pigors und El-Khatib als Gegenvorschlag zum Konzept anbringen, ist trotz des scheinradikalen Gestus‘ eher restriktiv. So ergäbe sich laut El-Khatib ein ziemlich konkretes Bild, wie Bewegungsfreiheit, soziale Sicherheit, Gleichstellung und Teilhabe erreicht werden können aus bisherigen Forderungen. DIE LINKE hat als einzige Partei gegen die Asylrechtsverschärfung gestimmt und fordert die Wiederherstellung des Asylrechts. Sie fordert, alle benachteiligenden Regelungen und Gesetze aufzuheben, wie das Asylbewerberleistungsgesetz, die Residenzpflicht und Arbeitsverbote für Geflüchtete.

Auch Pigors fokussiert sich auf asylrechtliche Forderungen. Nun ist dies alles vollkommen richtig. So richtig, dass es in jedem einzelnen Punkt in der Konzeption einer linken Flüchtlings- und Einwanderungsgesetzgebung festgehalten ist. Da beide, Pigors wie El-Khatib aber keinen darüber hinausgehenden Vorschlag machen, den vorliegenden aber rundweg ablehnen, kann man schließen, dass sie DIE LINKE auf eine rein defensive Politik festlegen wollen, die sich ausschließlich gegen die vielfältigen seit 1993 erlassenen repressiven Gesetze in der Asyl- und Flüchtlingspolitik wendet. Nun war die bundesrepublikanische Migrationspolitik auch vor der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl nicht auf transnationale Bewegungsfreiheit ausgerichtet. Die politischen Eliten der Bundesrepublik behaupteten im Gegenteil bis Anfang dieses Jahrhunderts kontrafaktisch Deutschland sei kein Einwanderungsland. All jene, die migrierten ohne Verfolgung geltend machen zu können oder bis zum Anwerbestopp 1973 als ausländische VertragsarbeitnehmerInnen einreisten, waren auch damals gezwungen, in der Illegalisierung zu leben, falsche Fluchtgründe vorzugeben oder Zweckehen zu schließen. All dies geschah immer unter dem Damoklesschwert von Entdeckung und Ausweisung. Die Forderung nach Wiederherstellung des Asylrechts ist also richtig. Sie bleibt aber eine konservative Forderung, die nicht über einen sehr unbefriedigenden Status quo ante hinausweist. Selbst Konservative und Liberale haben mittlerweile eingesehen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Die progressive Linke hat lange dafür gestritten, dass dies endlich allgemein anerkannt wird. DIE LINKE sollte dahinter nicht zurückfallen und weiterhin engagiert für gleiche Rechte von Einwandernden genauso wie für das Recht auf legale Einwanderung streiten.

Schattenboxen gegen Strohpuppen

El-Khatib und Pigors arbeiten in Ihrer Ablehnung des Konzepts auch mit irreführenden Argumenten. So behauptet ersterer, dass im gutgemeinten Versuch, Rechte auszuformulieren, [] gesetzliche Restriktionen entwickelt würden. Er meint fälschlich, dass sich die eingangs genannten Tatbestände, welche gegen eine legale Einreise sprechen z.B. in der Türkei verfolgte kurdische Aktivisten anwenden ließen. Einziger Schönheitsfehler, das von ihm gewählte Beispiel beweist genau das nicht.[1]

Pigors wiederum bemängelt, dass in dem Konzept nicht alle Finanzierungsfragen detailliert besprochen würden. Dies sei aber nötig, weil mehr Zuwanderung bedeute, dass die bestehenden Ressourcen innerhalb der Arbeiterklasse auf mehr Menschen verteilt werden. Damit bemüht sie ein Propagandabild der Rechten, das den Sozialstaat als Kuchen versteht, bei dem jede weitere Person das Kuchenstück der Bedürftigen verkleinert. Die Feststellung der Arbeitsgruppe, dass die Beiträge an Steuern und Sozialabgaben von MigrantInnen saldiert höher sind, als die Inanspruchnahme von Sozialleistungen, ignoriert Pigors. Sie knüpft dabei direkt an Debatten an, die Migration faktenwidrig als „Einwanderung in die Sozialsysteme“ und Migrant*innen als volkswirtschaftliche Kostenfaktoren behandelt.

Die Frage nach dem Recht auf Bewegungsfreiheit mit einem falschen Kosten-Argument abzuwürgen, wirkt dabei (vermutlich ungewollt) wie ein Heranrutschen an den rechten Alltagsverstand. Dieser lässt sich aber auch durch eine Erwähnung der linken Forderung nach progressiver Besteuerung von Kapitaleinkommen nicht besänftigen, so richtig diese auch ist. Wer in politischen Debatten den Sozialstaat als Kuchen versteht, will in der Regel nicht über die Bereitstellung der Zutaten diskutieren, sondern darüber, wer gefälligst nichts abbekommen soll.

Mehr Mut zur Solidarität statt German Angst!

Statt wie gebannt auf diese bewusst gestreuten  „Ängste und Sorgen“ zu schauen, wäre es sinnvoll ein Angebot an all jenen zu unterbreiten, die noch unentschieden sind. Die rassistischen Kampagnen der Rechten von NPD bis CSU werden schließlich mit einem Dauerfeuer von Metaphern der Regellosigkeit und der Katastrophenhaftigkeit von Migration geführt.

Dem Konzepte entgegenzustellen, welche eine Verrechtlichung und Legalisierung von weitgehender Freizügigkeit plausibilisieren und an einen eben auch vorhandenen progressiven Alltagsverstand anknüpfen, ist Aufgabe einer progressiven Linken. So ist mittlerweile die prinzipielle Bewegungsfreiheit innerhalb Europas weitgehend akzeptiert. Die uneingelöste Forderung nach sozialen und arbeitsrechtlichen europäischen Standards wird ebenfalls gesellschaftlich breit geteilt. Dies als Ausgangspunkt in anstehenden Debatten nicht für darüber hinaus weisende Vorschläge zu verwenden, ist fahrlässig.

Eine defensive Position, welche die Rücknahme der migrationspolitischen Grausamkeiten der letzten Jahrzehnte fordert, ist absolut notwendig. Aber sie genügt nicht. Ein Zurückfallen hinter die Erkenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland war und ist, stellt sogar die bestehenden Errungenschaften der Kämpfe um Migration in Frage. Rechte lassen sich nicht im Rückwärtsgang verteidigen und Erfolge nur im Vorwärtsgang errungen. Oder anders: Die beste Verteidigung ist ein guter Angriff.

Weiterlesen:

Susanne Hennig-Wellsow: Wir brauchen ein linkes Einwanderungsgesetz: Im Mittelpunkt eines linken Einwanderungsrechts muss der soziale Anknüpfungspunkt und die soziale Verwurzelung eines Menschen stehen.

Anja Mayer und Jörg Schindler: Keine Einwanderung ist illegal! Von Willkommensämtern, dem Recht hier zu leben und Flüchtlings-Keynesianer*innen

Ulla Jelpke und Lena Kreck: Kann es ein linkes Einwanderungsgesetz geben?

Thomas Feske: Soll er doch nach Prohlis kommen. Eine Antwort auf Christian Baron

Yuval Eylon: Über die Aushöhlung der Solidarität. In der Flüchtlingsfrage lassen sich Pragmatik und Programmatik nicht trennen

Serhat Karakayali und Vassilis Tsianos: Die frohe Botschaft der Autonomie der Migration. Annäherung an einen umstrittenen Begriff

Stefan Gerbing: Am Tiefpunkt: Eine Entgegnung auf Tobias Riegel und die Denunziation der Forderung nach offenen Grenzen

Kolja Lindner: Rückkehr nach Frankreich. Sahra Wagenknecht, die AfD und der Kampf um Hegemonie

Stefan Gerbing: Boris Palmer – ein Bürgermeister verrechnet sich gründlich. Über „Wir können nicht allen helfen.“

 

Fußnoten:

[1] Im Konzept heißt es dazu ganz klar: Die legale Einreise ist mit Ausnahme von Einreisen zur Asylantragstellung ausgeschlossen bei Tatsachen, die die Annahme rechtfertigen, dass die Einreise dem Zweck der Spionage oder der Begehung einer Straftat dienen soll. Der Entwurf benennt also die Suche nach Schutz vor politischer Verfolgung explizit als Ausnahme. Zudem ist die Forderung der Aufhebung des PKK-Verbots eine über alle Flügel hinweg geteilte Position in DIE LINKE.

 

Kommentare

  • Eine kategorische Ablehnung des Konzeptes wird meines Erachtens nicht helfen.

    Kommentar von Sabine Berninger
    geschrieben am 23. Jan 2018 23:11

    Keine Frage: DIE LINKE. muss gegen restriktive Gesetze kämpfen. DIE LINKE. muss jede Asylrechtsverschärfung ablehnen und außerparlamentarisch dagegen (auch die durch die SondiererInnen für eine neue „große Koalition“ geplanten neuen Verschärfungen) ankämpfen. Und selbstverständlich muss DIE LINKE sich außerparlamentarisch und in den Parlamenten für die Wiederherstellung des Grundrechtes auf Asyl einsetzen und dafür, dass Grund- und Menschenrechte für alle Menschen gelten.

    Mir ist unverständlich, weshalb Jules El-Khatib (oder auch andere KritikerInnen des Einwanderungskonzeptes) diese Selbstverständlichkeiten als Argumente gegen das vorgelegte Konzept benutzt. Das sind sie nicht. In unserem Konzept (das als Diskussionsangebot geschrieben wurde) formulieren und unterstützen wir diese Selbstverständlichkeiten. Keineswegs negieren oder kritisieren wir damit die von Jules El-Khatib angeführten parlamentarischen Initiativen, programmatischen Positionen oder das Agieren der Bundestagsfraktion oder der Bundespartei oder links mitregierter Länder im Bundesrat hinsichtlich beispielsweise der immer wieder geforderten Ausweitung der Liste so genannter sicherer Herkunftsländer oder anderer Asylrechtsverschärfungen.

    Mit dem Konzept wurde der Versuch unternommen, Zuwanderungs- und Asylpolitik von links unter den gegebenen Verhältnissen zu formulieren. Das, was DIE LINKE. unter einer menschenrechtsorientierten Flüchtlingspolitik, unter Einwanderungspolitik und Staatsbürgerschaftsrecht in vielen parlamentarischen Initiativen, in Wahlprogrammen, im Erfurter Programm formuliert und wofür sie eintritt, in ein Paket zu schnüren.
    Ein Paket, mit dem wir in die inhaltliche Auseinandersetzung - mit außerparlamentarischen Organisationen, mit den politischen MitbewerberInnen, mit der Öffentlichkeit - gehen und um das wir werben können.

    Mich irritiert, dass seitens der KritikerInnen die pauschale Ablehnung des Einwanderungskonzeptes dominiert. Dass häufig Unterstellungen den inhaltlichen Part der Kritik bilden, wie zum Beispiel die, die AutorInnen plädierten für die Beibehaltung des Dublin-Systems oder das „Regelwerk“ sei programmwidrig.
    Deshalb bin ich Jules El-Khatib dankbar für eine tatsächlich konkrete inhaltliche Anmerkung, nämlich die zur Frage, was die Einreise in der Türkei verfolgter KurdInnen betrifft, die die PYD oder die PKK unterstützen. Jedoch ist diese inhaltliche Kritik unberechtigt. El-Khatib konstatiert „Nach bundesdeutschem Recht begehen sie durch die Unterstützung dieser Organisationen eine Straftat.“ und fragt „Dürfen sie also nicht einreisen?“.

    Im Konzept ist unter „II. Legale Einreise“ formuliert:
    „5. Die legale Einreise ist mit Ausnahme von Einreisen zur Asylantragstellung ausgeschlossen bei Tatsachen, die die Annahme rechtfertigen, dass
    a. die Einreise dem Zweck
    i. der Spionage oder
    ii. der Begehung einer Straftat dienen soll oder
    b. es sich bei dem*der Einreisewilligen um eine Person handelt, die den Tatbestand des § 6-12 VStGB (Kriegsverbrechen) erfüllt hat“

    Damit sind UnterstützerInnen von PYD oder PKK nicht ausgeschlossen, denn nicht eine nach deutschem Recht als Straftat eingestufte Unterstützung einer Organisation führt zum Ausschluss der legalen Einreise, sondern, dass die Einreise dem Zweck der Begehung von Straftaten dienen soll (und ein Asylantrag beispielsweise durch den türkischen Staat verfolgter Kurdinnen legalisiert die Einreise erst recht).

    Ich finde es schade, dass aus einer oberflächlichen Lektüre des Konzepts oder einem Missverständnis einer Passage heraus gleich ein „Grundproblem der Herangehensweise“ behauptet und das Konzept als „gutgemeinter Versuch, Rechte auszuformulieren“ diskreditiert wird. Stattdessen wünschte ich mir eine Debatte auf Augenhöhe und getragen von Sachargumenten.
    Jules El-Khatib ist zweifellos zuzustimmen, wenn er konstatiert „Dieser Kampf kann kein rein parlamentarischer sein, sondern bedarf des Aufbaus gesellschaftlicher Gegenmacht durch soziale Bewegungen. Auch und gerade mit Geflüchteten.“ Einen kleinen Teil dazu könnte die Debatte um ein Einwanderungskonzept von links beitragen. Eine kategorische Ablehnung, auch nur darüber nachzudenken oder zu diskutieren, wird meines Erachtens nicht helfen.

  • Geflüchtete

    Kommentar von Norbert Brandes Linke Bo
    geschrieben am 27. Mär 2018 17:55

    Es ist zwar genug Geld da für Soziales,

    aber am falschen Ort und dies bekommt
    man schwer davon weg.

  • Migration

    Kommentar von Norbert Brandes
    geschrieben am 03. Apr 2018 17:24

    Ist Europa in der Lage Geflüchtete auf
    ganz Europa zu verteilen?

Feuer und Leidenschaft für eine Alternative zum Bestehenden

Beitrag von Bodo Niendel, geschrieben am 11.01.2018

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Ronald M. Schernikau gehörte zu den schillernsten Figuren der deutschen Literatur. Er war ein deutsch-deutscher Schriftsteller, der in der Bundesrepublik und der DDR Erfahrungen sammelte. Er war Überflieger, Intellektueller, Dandy und Kommunist. Bereits während des Abiturs verfasste er den Roman „Kleinstadtnovelle.“ Bis heute einer der schönsten schwulen Coming-Out-Romane. Westberliner-Künstlerleben, Studium der Literaturwissenschaften in Leipzig (ab 1986) und im Oktober 1989 wurde er DDR-Bürger, um in Berlin-Marzahn bis zu seinem Aids-Tod, das an der Bibel angelehnte Werk „Legende“ zu schreiben. Er starb im Alter von 31 Jahren. „Legende“ erschien erst postum.

„Lieben, was es nicht gibt?“ ist die Zusammenstellung der Beiträge einer Tagung, die 2015 im Literaturforum des Brecht-Haus in Berlin stattfand. Kenner_innen und Freund_innen Schernikaus beleuchteten sein Werk. Stefan Ripplinger widmet sich Schernikaus Journalismus. Er schrieb in jungen Jahren für westdeutsche linke Zeitungen, wie die DVZ, die ihm den Freiraum für seine besonderen Texte gewährte. Die Gefühlsduselei der Friedensbewegung war ihm fremd. Philantropen, mitfühlende Christen oder Menschenrechtsaktivisten waren im suspekt. „Motiv für politisches Handeln ist Eigeninteresse, das wie Ernst Bloch geschrieben hat, in „revolutionäres Interesse“ umschlagen kann.“ So deutet Ripplinger Schernikaus Einstellung zu politischen Handeln. Zugleich baut Schernikau sich seine eigene Welt. Eine Reportage über Brötchen in der DDR beginnt er mit dem in Westdeutschland unaussprechlichen Satz. „Es war einmal ein junger Mann, der fuhr in das schönste Land der Welt.“

Aber dass diese Liebe zur DDR noch mehr skurrile Züge trägt, darauf macht Georg Fülberth aufmerksam. „Die Tage in L.“ ist Schernikaus Buch zur DDR-Gegenwart am Ende der 1980er Jahre. Es zeigt schonungslos die Schwächen des Staates auf und wie sich die Bürger_innen von ihm abwenden. „Ein großer Text, politisch die Dokumentation eines Desasters,“ so Fülberth. Schernikau verstand das Buch als Liebeserklärung an die DDR. Die DDR-Kulturfunktionäre verstanden diesen Text selbstverständlich nicht als solche und ließ das Werk nicht drucken. Es blieb also eine unverstandene Liebe.

Dietmar Dath analysiert die Poetik von Schernikau in „Legende“. Es sei eine Sprache in nur scheinbarem Kinderdeutsch, eigentlich aber „äußerstem Kunstdeutsch“, so Dath. Schernikaus Poetik habe „ihre Fähigkeit, sich unterm Alltagsverständnis der Massenindividualität wegzuducken. Das Hohe an ihr ist ihr freiwilliger Absturz in diesem Alltagsverständnis unzulängliche geschichtsästhetische Tiefen.“

Schernikau war befreundet mit den Literaturgrößen seiner Zeit, wie Elfriede Jelinek, Gisela Elsner und Peter Hacks. Christina Künzel geht auf die innige Freundschaft zur westdeutschen Kommunistin Gisela Elsner ein, wie Schernikau eine schillernde Figur in der deutschen Literaturlandschaft. Ihre Stile waren grundverschieden. Während Schernikau mit einem gnadenlosen Optimismus schrieb und damit versuchte etwas Positives zu erzeugen, war Elsners Stil durch Destruktion gekennzeichnet. Sie wollte die bürgerliche Gesellschaft entlarven. Gegenüber Schernikau verhielt sie sich mütterlich und gab ihm den Ratschlag sich beim Besuch des stellvertretenden  Ministers für Kultur der DDR „möglichst kleinbürgerlich anzuziehen.“ Eine große Hürde für Schernikau.

Elsner sollte Schernkau nur wenige Monate überleben. Misserfolg und das Ende der DDR waren zu viel für sie, sie beging Suizid.

Die Beziehung zu Peter Hacks gestaltete sich gänzlich anders. Peter Hacks war der kommunistische Großbürgerschriftsteller der DDR. Erhaben betrieb er eine Literatur der sozialistischen Klassik. Goethe galt ihm als großes Vorbild. Da in der DDR der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital aufgelöst sei, seien es nur kleine Problem, die alle lösbar seien. Dass sich Hacks damit gründlich irrte, muss wohl nicht ausgeführt werden. Schernikau kam aus den westdeutschen Künstlerkreisen. Die Auseinandersetzungen mit dem westdeutschen Kapitalismus war bei ihm stets präsent, auch wen er über die DDR schrieb. „Aus dieser Position, die den BRD-Kapitalismus noch nicht völlig hinter sich gelassen hat wie Hacks, leitet Schernikau seine Parteinahme für die DDR ex post aus dem Systemvergleich ab.“ So Kenntnisreich Martin Brandt. Dass die beiden sich in verstanden und gegenseitig literarisch schätzten, ist erstaunlich.

Man kann und vielleicht muss man ihm seine Liebe zum realexistierenden Sozialismus ankreiden. Mauertote und Stasi waren nicht sein Thema. Dies macht ihn für manche heutige Leser_innen schwer verdaulich. Aber  - und hier wird es spannend – sein Dandytum wäre mittelfristig in der DDR unlebbar gewesen und damit hätte gerade auch Schernikaus Engagement die Möglichkeiten für einen anderen Sozialismus ausloten können. Doch genau da ging die DDR unter. Ein ungeheures Feuer und eine Leidenschaft für eine Alternative zum Bestehenden springt aus jeder Zeile seiner Texte. Schernikau hat große Literatur geschrieben. Davon zeugt dieser kenntnisreiche Sammelband. Manche Sammelbände habe einige starke Beiträge und viele schwächere, dieser nicht.

Bodo Niendel, Referent für Queerpolitik der Bundestagsfraktion DIE LINKE.

Vom analytischen und gesellschaftskritischen Potential queerer Kritik

Beitrag von Bodo Niendel, geschrieben am 11.01.2018

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Das Buch versammelt neuere Beiträge queerer Forschung. Die Herausgeber_innen erheben den Anspruch „Teil einer Standortbestimmung aktueller Queer Studies“ zu sein. Tatsächlich gelingt es ihnen zu zeigen: Queere Kritik hat weiterhin ein erhebliches analytisches und gesellschaftskritisches Potential.

Barbara Paul wirft einen Blick auf queere Kunstpraxen, die sie von „queer-chic“ abgrenzt. Also einer „Vereinnahmung queerer Positionen und Posinalitäten durch die Mainstream –Kultur“ zum Zwecke des Verkaufs von Waren. Sie stellt unterschiedliche künstlerische Arbeiten vor, die spannende queere Einblicke liefern. Leider ist die Darstellung der Kunst, zugunsten des etwas langen theoretischen Vorlaufs, etwas zu kurz gekommen.

Sabine Hark ist die wohl bekannteste deutsche Queer-Theoretikern. Sie mahnt an, sich von den gesellschaftlichen Liberalisierungen und Modernisierungen nicht täuschen zu lassen. Weiterhin sei Heterosexualität die stetige soziale Norm. Die Festschreibung von Begabung und Verhalten zu den gesellschaftlich hergestellten Polen männlich und weiblich und die Suche nach den Gründen der Homosexualität, seien wiederkehrende Muster in westlichen Gesellschaften: „Es ist eben das Homo-Gen, nach dem gesucht wird, nicht das Hetero-Gen.“ Klassische feministische Kritik habe insbesondere die Dominanz von Männlichkeit infrage gestellt. Mit der Theorie von Judith Butler wurde „die Herstellung von Geschlecht theoretisch-systematisch mit der produktiven Macht der heterosexuellen Matrix verknüpft, ließ sich fortan im Prinzip die kritische Analyse von Geschlecht nicht mehr trennen von der Frage, wie dies mit der Reproduktion jener Matrix verknüpft ist.“  Hark möchte die wissenschaftliche Heteronormativitätskritik schärfen, mahnt aber an, dass diese Kritik nicht eingeschriebene Geschlechterasymmetrien außer Acht lassen darf. Die eigene Theorie müsse auf ihre fehlbaren Kategorien stets überprüft werden. Ein Plädoyer für die Verbindung von Feminismus und Queer.

Konstanze Plett liefert einen historischen Blick auf den Kampf um das Geschlecht im deutschen Recht. Sie erinnert an die mühevollen Kämpfe von Frauen um Gleichberechtigung insbesondere im Ehe- und Arbeitsrecht. Sie weist auf die harten Auseinandersetzungen zur Reform und Aufhebung des Paragraphen 175 hin und widmet sich dem Personenstandsrecht, das die Rechte von trans- und intergeschlechtlichen Menschen beschränkt. Die Änderung des Personenstandsgesetzes im Jahr 2013, nach welchem bei der Geburt eines intergeschlechtlichen Kindes kein Geschlechtseintrag vorzunehmen ist, hat und wird viele Prozesse zur Folge haben und zu weiteren Gesetzesänderungen führen. (Damit sollte sie mit dem im Oktober 2017 ergangenem Bundesverfassungsgerichtsurteil zum „dritten Geschlecht“ Recht behalten.) Plett wendet sich gegen die Geschlechterbinarität und folgert: „Am besten wäre es gewesen, wenn der Gesetzgeber die Geschlechtsregistrierung bei Geburt gänzlich aufgehoben hätte.“

Nina Schuster widmet sich einem kaum erforschtem Gebiet: Queer und Raum. Es geht um die „zweigeschlechtliche Vereindeutigung“ des Raums. Doch Räume bieten immer auch Konfliktpotentiale. Sie beschreibt ein Trans*-Treffen mit einer Trans-Person, die zugleich Polizist ist, innerhalb linksalternativer Räumlichkeiten und den daraus erwachsenen Streitigkeiten. Indem Schuster darauf hinweist, dass eine Person „gleichzeitig marginalisierte und hegemoniale Positionen besetzen“ kann plädiert sie für ein differenziertes Denken und Handeln.

Lüder Tietz bietet einen spannenden Abriss über alternative CSDs in Deutschland. Diese hätten politisch und künstlerisch auf Defizite der großen CSDs hingewiesen. Doch indem er die Alternativ-CSDs den großen CSDs gegenüberstellt, und die Alternativ-CSDs nicht einer Kritik unterzieht, läuft er Gefahr lediglich in Gut und Böse zu scheiden. Er unterschlägt damit auch interne Kämpfe bei den Organisator_innen der großen CSDs. Da Tietz jedoch die verborgene Geschichte der Alternativ-CSDs sichtbar macht, ist dieser Beitrag mit Gewinn zu lesen. Das trifft auf die Mehrzahl der Beiträge zu, auch wenn einige sprachlich unnötig kompliziert gefasst sind.

Bodo Niendel, Referent für Queerpolitik der Bundestagsfraktion DIE LINKE.

 

 

Debatte: »DIE LINKE sollte gegen restriktive Gesetze kämpfen«

Beitrag von Jules El-Khatib, geschrieben am 11.01.2018

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In DIE LINKE wird aktuell ein Papier der ostdeutschen Landtagsfraktionen zur Reform des Einwanderungsrechts diskutiert. Eine Podiumsdiskussion dazu haben wir hier dokumentiert. Auch die Genoss*innen von Marx21 greifen die Diskussion auf und starten mit einem Diskussionsbeitrag von Susanne Hennig-Wellsow und einem von Jules El-Khatib. Letzteren dokumentieren wir hier.

Ich bin gegen ein linkes Einwanderungsgesetz. Denn unter kapitalistischen Bedingungen wird jegliche gesetzliche Regelung von Einwanderung immer einen restriktiven Charakter annehmen: Sie regelt immer auch, unter welchen Bedingungen Menschen gehen müssen.

Das trifft leider auch für das vorliegende Konzept der ostdeutschen Landtagsfraktionen der LINKEN für ein Flüchtlings- und Einwanderungsgesetz zu. Das Papier kritisiert zu Recht die bisherige rassistische Flüchtlingspolitik der Bundesregierung scharf und möchte stattdessen für Menschen, die nach Deutschland kommen, »Bewegungsfreiheit, soziale Sicherheit, Gleichstellung und Teilhabe« gewährleisten. Es ist zu begrüßen, dass sich die Autorinnen und Autoren deutlich von dem bisherigen Vorschlag der beiden links regierten Länder Brandenburg und Thüringen abgrenzen. Deren Landesregierungen hatten sich noch positiv auf das sogenannte kanadische Modell bezogen, in dem ein Punktesystem »Einwanderungswillige« nach Ausbildung, Sprachfähigkeiten und dem Alter auswählt. Diesem Nützlichkeitsrassismus erteilen die ostdeutschen Landtagsfraktionen dankenswerterweise eine Absage.

Einwanderungsgesetz bedeutet Beschränkung

Doch trotz vieler fortschrittlicher Vorstellungen hält das Konzept unverständlicherweise an Abschiebungen und Einreiseverboten (bei Begehung von Straftaten, Spionage oder Kriegsverbrechen) fest. Das ist eine Abschwächung linker Programmatik. Hier offenbart sich das Grundproblem der Herangehensweise. Im gutgemeinten Versuch, Rechte auszuformulieren, werden gesetzliche Restriktionen entwickelt. Was ist beispielsweise mit Kurdinnen und Kurden, die in der Türkei verfolgt werden und die PYD oder die PKK unterstützen? Nach bundesdeutschem Recht begehen sie durch die Unterstützung dieser Organisationen eine Straftat. Dürfen sie also nicht einreisen?

Ein zweites Problem ist der strategische Ansatz des Papiers. Die Autorinnen und Autoren meinen, es bestehe eine Leerstelle zwischen den Forderungen der LINKEN nach offenen Grenzen und ihrem Agieren im Hier und Jetzt. Sie sagen, dass die Partei »eigentlich keine progressiven Vorschläge macht, wie Migration legal und sozial abgesichert stattfinden kann«. Das ist schlicht falsch. DIE LINKE hat als einzige Partei gegen die Asylrechtsverschärfung gestimmt und fordert die Wiederherstellung des Asylrechts. Sie fordert, alle benachteiligenden Regelungen und Gesetze aufzuheben, wie das Asylbewerberleistungsgesetz, die Residenzpflicht und Arbeitsverbote für Geflüchtete. Außerdem fordert DIE LINKE, die Unterbringung in Sammellagern sofort abzuschaffen, Abschiebungen zu beenden und ein Bleiberecht für alle. Ebenso verlangt sie, dass alle Kinder, die in Deutschland geboren werden, auch die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. Um Geflüchtete und Einheimische vor Lohndumping zu schützen, fordert DIE LINKE die Anhebung und flächendeckende Durchsetzung des Mindestlohns. Statt Hartz IV für Einheimische und Sachleistungen für Geflüchtete will sie eine sofortige Mindestsicherung von 1050 Euro, ohne Sanktionen, für Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können.

Gesellschaftliche Gegenmacht

Daraus ergibt sich ein ziemlich konkretes Bild, wie »Bewegungsfreiheit, soziale Sicherheit, Gleichstellung und Teilhabe« erreicht werden können. Um diese Forderungen durchzusetzen, brauchen wir kein linkes Einwanderungsgesetz. Statt sich auf die Einführung eines solchen Gesetzes zu konzentrieren, sollte DIE LINKE gegen restriktive Gesetze kämpfen. Dieser Kampf kann kein rein parlamentarischer sein, sondern bedarf des Aufbaus gesellschaftlicher Gegenmacht durch soziale Bewegungen. Auch und gerade mit Geflüchteten.

Zum Autor:
Jules El-Khatib ist Mitglied im Landesvorstand der Linken.NRW und aktiv in Essen.

 

Wir brauchen ein linkes Einwanderungsgesetz

Beitrag von Susanne Hennig-Wellsow, geschrieben am 08.01.2018

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In DIE LINKE wird aktuell ein Papier der ostdeutschen Landtagsfraktionen zur Reform des Einwanderungsrechts diskutiert. Eine Podiumsdiskussion dazu haben wir hier dokumentiert. Auch die Genoss*innen von Marx21 greifen die Diskussion auf und starten mit einem Diskussionsbeitrag von Susanne Hennig-Wellsow, den wir hier dokumentieren. (Erstveröffentlichung bei Marx21 hier.)

Linke Politik ist eine Politik offener Grenzen. Der Anspruch auf Bekämpfung und Überwindung der Fluchtursachen, auf ein humanes europäisches Flüchtlingsrecht sowie auf die solidarische Bewältigung der Fluchtbewegung durch die Länder der EU wird dabei nicht aufgegeben. Offene Grenzen bedeuten jedoch nicht, dass Zuwanderung und Integration sich einfach regellos vollziehen können. Soziale Verantwortung setzt sich nicht im Selbstlauf durch und ohne eine Veränderung von Kräfteverhältnissen wird es keine Veränderungen zum Besseren geben.

DIE LINKE strebt mit aller Kraft eine moderne, solidarische Einwanderungs- und Integrationspolitik an. Zugleich muss DIE LINKE in Regierungs- oder kommunaler Verantwortung geltendes Recht respektieren und umsetzen. Gemessen an linken Grundsätzen ist das bestehende Recht ein ernsthaftes Übel. Deswegen sollte DIE LINKE dafür sorgen, dass geltende Gesetze nach ihren Maßstäben völlig überholt werden.

Für ein linkes Einwanderungsgesetz

Im Mittelpunkt eines Einwanderungsgesetzes müssen die Bedürfnisse der Menschen und damit die individuellen Gründe und Ursachen für Migration, nicht die Bedürfnisse und ökonomischen Zwänge des deutschen Arbeitsmarktes stehen. Ein linkes Einwanderungsrecht muss drei Aufgaben erfüllen: Es muss bestehende aufenthaltsrechtliche Fragen systematisieren, liberalisieren und entbürokratisieren. Dabei ist der Anspruch an ein linkes Einwanderungsrecht, menschenrechtliche Mindeststandards bei der Einwanderung wiederherzustellen, Zugänge zu sozialer Sicherung und gesellschaftlicher Teilhabe zu erleichtern und entsprechende Hürden abzubauen. Das geltende Recht verfolgt nur die »Steuerung und Begrenzung des Zuzugs von Ausländern«. Anstelle der Formulierung von Ausnahmen sollten die Voraussetzungen und rechtlichen Grundlagen für eine legale Einreise und den Aufenthalt bestimmt werden. Das Asylgrundrecht muss durch die Abschaffung der sicheren Dritt- und Herkunftsstaaten-Regelungen wiederhergestellt und die Verletzung von grundlegenden wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechten als Fluchtgründe anerkannt werden.

Bei den Diskussionen um Einwanderung geht es nicht nur um Fragen der Inklusion von Schutzsuchenden und Zuwandernden; es geht grundlegender um die Frage, was die soziale Basis unseres Gemeinwesens ist. Es wäre klug, auf ein »inklusives Wir all derer, die hier leben« zu setzen. Im Mittelpunkt eines linken Einwanderungsrechtes müssen danach der soziale Anknüpfungspunkt und die soziale Verwurzelung eines Menschen stehen.

Offene Grenzen

Die Forderung nach »Offenen Grenzen für Menschen in Not« und dem grundsätzlichen Anspruch auf Bewegungsfreiheit (»Offene Grenzen für alle Menschen«) aus dem Erfurter Programm der LINKEN kann nur so verstanden werden, dass die Gesellschaften für Einwanderungsbewegungen so offen und durchlässig wie möglich gehalten werden. Dies macht allerdings einen rechtlichen Regulierungsbedarf erforderlich, der es ermöglicht, einen abgesicherten Rechtsstatus zu erhalten und den bestehenden Status zu verbessern. Damit wäre auch ein Weg aufgezeigt, der auf die Realisierung von Bewegungsfreiheit hinwirkt: Durch die schrittweise Realisierung globaler sozialer und demokratischer Rechte auf unterschiedlichen Ebenen (national, inter- und transnational) und Foren (z. B. parlamentarische Gesetzgebung) verlieren die territorialen Staatsgrenzen an ausgrenzender Macht.

Susanne Hennig-Wellsow ist Landesvorsitzende der LINKEN in Thüringen und Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag.

Weiterlesen:

Redaktion *prager frühling: Umschalten, Genoss*innen!: Eine progressive Migrationspolitik lässt sich nur im Vorwärtsgang erreichen

Anja Mayer und Jörg Schindler: Keine Einwanderung ist illegal! Von Willkommensämtern, dem Recht hier zu leben und Flüchtlings-Keynesianer*innen

Ulla Jelpke und Lena Kreck: Kann es ein linkes Einwanderungsgesetz geben?

Thomas Feske: Soll er doch nach Prohlis kommen. Eine Antwort auf Christian Baron

Yuval Eylon: Über die Aushöhlung der Solidarität. In der Flüchtlingsfrage lassen sich Pragmatik und Programmatik nicht trennen

Serhat Karakayali und Vassilis Tsianos: Die frohe Botschaft der Autonomie der Migration. Annäherung an einen umstrittenen Begriff

Stefan Gerbing: Am Tiefpunkt: Eine Entgegnung auf Tobias Riegel und die Denunziation der Forderung nach offenen Grenzen

Kolja Lindner: Rückkehr nach Frankreich. Sahra Wagenknecht, die AfD und der Kampf um Hegemonie

Stefan Gerbing: Boris Palmer – ein Bürgermeister verrechnet sich gründlich. Über „Wir können nicht allen helfen.“

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