Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)
25.09.2008

Einen Raum zu schaffen, indem wir alle atmen können

Rezension: Pierangelo Maset, Laura oder die Tücken der Kunst (Berlin 2007)

Katharina Köpping
Katharina Köpping

Es ist schon erstaunlich wie unterschiedlich LeserInnen belletristische Werke interpretieren. Die Erkenntnis kann in vollständige Irritation umschlagen, wenn man nach dem eigenen Lesen die Kritiken der etablierten Zeitschriften liest. So ging es mir jedenfalls mit Pierangelo Masets Roman „Laura oder die Tücken der Kunst“ (Berlin 2007, Kookbooks).

Also um es kurz zu machen, ich geriet so sehr in den Strudel der geschilderten Ereignisse, dass ich einem regelrechten Lesesog unterlag. Zunächst einmal ermöglicht durch die einfache, mitunter fast programmatisch wirkende Sprache. Zudem ließ sich Maset glücklicherweise an keiner Stelle zu irgendwelchen hochtrabenden philosophischen Konstrukten oder lyrischen Weltschmerzergüssen hinreißen. Von daher also beste Voraussetzungen, um sich auf die aus exzentrischen Facetten fragmentarisch zusammengesetzte Welt der Ich-Erzählerin Laura auch einzulassen. Aber bitte, an die klassisch orientierten BildungsbürgerInnen: Keine übermäßige Erwartungshaltung an das als Roman bezeichnete Werk. Der Gattungsbegriff passt irgendwie nicht und keineswegs wird das Innenleben der Figuren psychologischer bzw. emotional entworfen. Für mich agieren diese eher scherenschnittartig auf einer Theaterbühne oder innerhalb eines bizarr ausgeleuchteten gesellschaftlichen Rahmens, der sich hier exemplarisch auf den aktuellen Kunstmarkt bezieht. Ein Bereich, der Pierangelo Maset offensichtlich gut bekannt ist und trotzdem genug Freiraum bietet, um die konstruierten Handlungsfäden – teilweise überhöht, mitunter durchaus realistisch – zu spinnen. In dieser Kunstwelt lebt Laura, eine gebildete, hübsche, sinnlich veranlagte, ziellos in dem Berlin der neunziger Jahre wandelnde junge Frau. Die von ihr vielleicht eher ahnungsvoll gefühlte Leere wird dann auch schnell von der geheimnisvollen Kunstmaklerin Ruth besetzt, die Laura als zahlende Auftraggeberin für nachträgliche Veränderungen an vollendeten Kunstwerken engagiert. Im Verlauf der geschäftlichen Zusammenarbeit und der privaten Begegnungen nimmt Ruth zunehmend die Rolle der Femme fatale ein, die abenteuerlustige Laura entwickelt sich mit stilvoller Leichtigkeit zur „Kunstterroristin“. Dabei fällt Lauras erste Wahl auf Picassos Plastik „La Vénus du Gaz“, wobei ihre innere Stimme feministisch argumentiert. Was plausibel erscheint, denn die Vorstellung, dass die von Picasso einst abgelegten Musen in Gestalt einer anderen Frau irgendwann auch einmal zurückschlagen könnten, ist doch so abwegig nicht. (Laura: „ Mich ärgerten solche Männer, die so einseitig an der Lebensform Frau interessiert waren, dass nur Mutter, Muse oder Nutte übrig blieben.“)

Soviel zum Inhalt, darüber hinaus wurde mir klar beim zweiten Lesen, dass Maset offensichtlich Spaß daran hat, andere Werke zu zitieren oder aber bei der Benennung von Gegenständen, Orten und Personen reale Dinge zu beschreiben. Es ist scheinbar nichts frei erfunden. Und dann muss m.E. ein Name einfach Beachtung finden: Pierre Klossowski (1905 - 2001). Laura liest „Die Gesetze der Gastfreundschaft“ von Klossowski und bezeichnet dieses Buch als die Eintrittskarte in Ruths Umfeld. Pierre Klossowski – der Bruder des bekannteren Malers Balthus (Balthasar Klossowski de Rola) – Autor, Philosoph und bildender Künstler, ist v.a. als bildender Künstler in Berlin einem kleineren Kreis bekannt. Hier gilt er als Meister der Inszenierungskunst des erotischen Raffinements. In seinen Werken setzt er sich mit den “ethischen Konsequenzen der geschlechtermetaphysischen Psychologie in heterosexuellen Beziehungen“ auseinander – wie auch immer. Die beschriebene Begegnung zwischen Laura, Monica und Bob in der Szene in Riehmers Hofgarten ist für mich stark von Klossowskis Zeichnung „Diana und Acteon“ (1954) inspiriert, in der ein bereits zum Hirsch gewordener Acteon – die zwischen Abwehr und Begehren schwebende – nackte Göttin von hinten umfängt. In dieser und in anderen Begegnungen nimmt die LeserIn an Lauras Liebesleben teil bzw. darf sich einige erotische Situationen ausmalen. Alles scheint miteinander verwoben, wobei die Situationen mit wechselnden Partnern schemenhaft umrissen werden.

Darüber hinaus finden sich weitere Zitate. Ein Satz genügt Masset, um „William Wilson” als Metapher für “das fremde Selbst” einzubeziehen und damit auf den möglichen Widerspruch zwischen tatsächlichem Handeln und Gewissen anzuspielen. Alles in allem ist die beschriebene Gesellschaft nicht unbedingt nett. Es wird skrupellos gelebt, abseits gestorben und zwischenzeitlich gegessen, getrunken, inhaliert sowie gekotzt – Körperflüssigkeiten entwickeln ein Eigenleben. Meist ergreift es Laura, doch sie bleibt jung und dynamisch, der ferne Freund Bob stirbt, Ruth altert. Die Ereignisse vom 11. September 2001 verändern die Welt. Der (Kunst-) Markt bricht ein, alles wird nüchterner. Vielleicht als Strafe für die gelebte gesellschaftliche Hybris oder ist die unschuldige Zeit der Kindheit einfach nur vorbei? In einer Passage klingt die gerne verdrängte Mitschuld der deutschen Bevölkerung an der Deportation der jüdischen MitbürgerInnen im Dritten Reich an: zwei Arbeitslose, welche die vorbeifahrenden Autos zählen, entdecken das Denkmal an der Moabiter Putlitzbrücke.

Und überhaupt, es sind die Randfiguren, die nicht angepassten AußenseiterInnen und die im Strudel des Marktes sich selbst vermarktenden KünstlerInnen bzw. die Leute mit der ewig leeren Geldbörse, die in ihrem schrägen Dasein sympathisch bleiben. Irgendwann am Anfang sagt Laura zu Ruth: „…es geht darum einen Raum zu schaffen, indem wir alle atmen können“. Dieser Raum entsteht nicht, aber alle finden Platz und manche leben weiter. Das Buch ist jung, zeitgemäß und lesenswert für ambitionierte ÜberlebenskünstlerInnen.

Zur Autorin:

Katharina Köpping studierte Archivwissenschaften und Kunstgeschichte/Archäologie an der Humboldt Universität zu Berlin. Sie arbeitet seit 2006 als Archivarin bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung; als freie Autorin publizierte sie Aufsätze und Texte zur deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts und zu zeitgenössischen bildenden KünstlerInnen.
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