Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)
15.02.2013

Zwischen Stühlen

Karsten Krampitz /Klaus Lederer (Hrsg.): Schritt für Schritt ins Paradies. Handbuch zur Freiheit, Verlag Karin Kramer. Berlin 2013, 252 Seiten, 19 EUR.

Bernd Hüttner
Schritt für Schritt ...

Der Anarchismus, speziell der Anarcho-Syndikalismus, gehört zur historischen Arbeiterbewegung und insofern zum Kanon linker Geschichte. Während die traditionelle Arbeiterbewegung Gerechtigkeit und Solidarität betont, macht der Bezug auf Freiheit den Wert des Anarchismus aus. Heutzutage okkupiert der Neoliberalismus den Begriff der Freiheit, während die Linke mehr den der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt. Die Herausgeber des vorliegenden Bandes, der Publizist Karsten Krampitz und der Berliner Landesvorsitzende der LINKEN, Klaus Lederer, eint die Ansicht, dass sich Freiheit und Gerechtigkeit bedingen und die Linke sich eine höhere Wertschätzung für individuelle Freiheiten zu eigen machen müsse.

Die beiden haben Texte einer bunten AutorInnenschar versammelt: Vom Journalisten Robert Misik, demVerleger Jörn Schütrumpf, polar-Mitherausgeber Robin Celikates, über den bekannten Berliner Altanarchisten Jochen Koblauch, der Anarchistin Emma Goldman bis zum Linken-Bundestagsabgeordneten und Kriminalpolizisten Frank Tempel.

Knoblauchs Beitrag enttäuscht. Er behauptet zum Beispiel: „je größer eine politische Einheit, desto willkürlicher werden die Normen“. Dann müsste die Schweiz ein Hort der Liberalität sein. Misik beschreibt in seinem Text, der auf seinem Buch „Halbierte Freiheit“ beruht, wie die politische Rechte der Linken den Freiheitsbegriff entwendete. Misik und auch Lederer zeigen, dass Linke ihre Schwierigkeiten mit der Autonomie des Individuums haben, eine nur kollektiv denkbare Gerechtigkeit sei ihnen dann doch wichtiger.

Konstanze Kriese lässt die Erinnerung an Emma Goldman (1869-1940) aufleben und kritisiert unter Berufung auf den heute weitgehend vergessenen Arbeiterhistoriker Erhard Lucas die männerbündlerischen Seiten der historischen Arbeiterbewegung — den Anarchismus eingeschlossen. Kriese weist im Rückgriff auf Goldman darauf hin, dass sich politische Ideen nur als Kultur- und Wertedebatten weiterentwickeln lassen. Sie schreibt, dass sich für die Linke der kulturelle Wert und die Substanz von Solidarität „nicht mit Quittungsblöcken herbeidiskutieren lässt“.

Schütrumpf schlägt in eine ähnliche Kerbe: Schon Rosa Luxemburg habe in gewohnter Schärfe, Bildung als Hilfe zur Selbsthilfe angesehen und darauf hingewiesen, dass Emanzipation nicht mit antiemanzipatorischen Mitteln von statten gehen könne. Die Linke müsse an der Selbstemanzipation ihrer Mitglieder und Sympathisant_innen interessiert sein.

Der sonst eher antiimperialistisch denkende Peter Schäfer, Büroleiter der Rosa Luxemburg Stiftung in Ramallah und demnächst in Kairo, plädiert unwillentlich postmodern gegen einen universalistischen Emanzipationsbegriff. Am Beispiel der Muslimbruderschaft zeigt er die Folgen auf, die es hat, wenn die Linke den Alltag der Menschen ignoriere. Dieses Vakuum füllen dann andere. Der westlichen Linken fehle es an Einfühlungsvermögen in, wenn nicht gar Verständnis für die arabischen Gesellschaften.

Wolfgang Seidel Mitbegründer der Ton, Steine Scherben schreibt über Rock und Pop im Kapitalismus. Sein Beitrag ruft ins Bewusstsein, dass es vor allem ArbeiterInnen waren, die den Rock´n Roll in den 1950ern goutierten — zehn Jahre vor dem akademisch geprägten „1968“. Besonders absurd sei es, wenn im historischen Ostblock die Jugend das Versprechen auf ein besseres Leben und die Befreiung von Zwängen nicht mit der kommunistischen Partei, sondern mit der westlichen Popkultur identifizierte. Heute habe Popmusik, die längst Mainstream sei, die Funktion, die früher die Wehrpflicht hatte, sie sei nun die Schule der Nation.

Markus Liske kritisiert den habituellen und politischen Konservativismus der Berliner Anarcho-Szenen. Diese seien von Vereinsmeierei geprägt und produzierten Kitsch statt Gegenkultur. Weitere Beiträge behandeln Pierre-Joseph Proudhon, die sexuelle Selbstbestimmung von behinderten Menschen und Barrierefreiheit in Bordellen, Drogenpolitik und die Geschichte des DDR-Oppositionellen Rudolf Mucke, der 1995 Suizid verübte.

An dem Buch, das insgesamt 29 Artikel enthält, werden viele Kritik üben. Den ParteianhängerInnen dürfte es zu anarchistisch, zu kritisch und frech, zu un-Partei-isch sein. Den AnarchistInnen werden zu viele Parteifunktionäre dabei sein. Viele werden es gar nicht einordnen können und sich womöglich fragen, wie es sein kann, dass Klaus Lederer als langjähriger Vorsitzender einer ehemaligen Regierungspartei solch ein Buch mit herausgibt? Ein Buch das sehr viele lesenswerte Beiträge enthält, auch zu Themen, die sonst nicht im Fokus der Linken stehen. Áber so ist es nun mal: Nur wer zwischen den Stühlen sitzt, ist wirklich frei.

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