Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)
Redaktionsblog

Mehdorn auf dem Kopf

Beitrag von Jörg Schindler, geschrieben am 06.05.2008

Die Große Koalition privatisiert weiter lustig alles, was nicht rechtzeitig auf den Bäumen ist; Ypsilanti hin, Hamburg her. Zum Beispiel gerade mal die Deutsche Bahn. Nur der Weihnachtsmann glaubt, dass es bei den 24,9% Privatinvestorenanteilen bleiben wird. Die Jusos sind da mit ihrer Forderung nach Grundgesetz-Festschreibung von 24,9% als Privatisierungsgrenze wieder einmal echte linke Scherzkekse. Nachdem unsere schwarz-roten Reformchaoten - wo er recht hat, der Oskar, hat er recht - offenbar wieder einmal zwei dicke Bretter fest links und rechts am Kopf angeschraubt haben, muss wohl das Kriterium der Praxis erst wieder wirken. Hat doch nach England nun auch Neuseeland seine Eisenbahn re-verstaatlicht, weil das Schienennetz durch die ach so tolle Privatisierung völlig runtergerockt wurde. Derart tiefrealsozialistische Anwandlungen sind mit Kurt Beck natürlich nicht zu machen. Hier gibts die Nachricht über die neuesten kommunistischen Umtriebe unserer Weltkugel-AntipodInnen auf der linksradikalen Financial Times Deutschland.

Gunther: Lass es sein!

Beitrag von Kolja Möller, geschrieben am 06.05.2008

Gunther: Lass es sein!

„Hey, Boss – ich brauch mehr Geld“– Passend zum heutigen 1.Mai brachte es der deutschcountry Barde Gunther Gabriel schon in den Siebzigern auf den Punkt. Die Zeiten haben sich allerdings geändert: Wenn sich Gunther Gabriel mit in den Kosovo begibt, um Bundeswehsoldaten schlechte Versionen von „House of the rising sun“ darzubieten oder er sich in die von der CDU gesteuerte Kampagne zum Erhalt des Flughafen Tempelhof mit uneingängigem Liedgut einbringt, muss man laut sagen: Gunther, lass es sein!

lotta continua!

Beitrag von Jörg Schindler, geschrieben am 02.05.2008

Die italienische Linke erwischt es gerade megadick: Erst gewinnt Berlusconi die Wahl, dabei fällt das Regenbogenbündnis mit weniger als 4% aus allen beiden Parlamenten, dann erobert die italienische Rechte 3 von 5 Provinzen bei den folgenden Kommunalwahlen. Und jetzt wird auch noch der Postfaschist Giovanni Alemanno neuer Bürgermeister von Rom, nachdem seit den 80er Jahren durchgängig der Bürgermeister von der Linken gestellt wurde. Mehrere tausend Römer sollen ihn bei seinem Einzug in das Rathaus unter Duce!-Rufen und ausgestrecktem rechtem Arm begrüßt haben. Ich stelle mir die Analogie vor: Erst wird Alfred Dregger Bundeskanzler, Hans Filbinger wird Berlins Oberbürgermeister und von seinen Marinesoldaten entsprechend würdig begrüßt, DIE LINKE ist nicht mehr im Bundestag vertreten, dagegen stellt die Koalition aus CDU, Republikanern und NPD in der Mehrzahl der Bundesländer die Landesregierungen. Holger Apfel wird wahrscheinlich Minister für Jugend und Sport. Gruselig!

Jahrelang ging es der italienischen Linken im Vergleich zur zersplitterten deutschen vergleichsweise gut. Gegenwärtig ist es aber wohl umgekehrt. Mein Vorschlag: Wie wäre es, wenn deutsche Linke eine Art Partnerschaft mit den gebeutelten italienischen KollegInnen initiierten? Mit einem großen Antifa- Festival als Höhepunkt in Rom in 2009? So als praktische internationale Solidarität?

»Spießertum kann man überall finden«

Beitrag von Norbert Schepers, geschrieben am 02.05.2008
Katja Kipping, am Zaun von Heiligendamm 2007

Katja Kipping im Gespräch mit Ivo Bozic, u.a. über den »prager frühling«.

(...) Sie geben die Zeitschrift Prager Frühling mit heraus, die von sich selber sagt: »Mit Prager Frühling ist Stalinismus, bornierter Avantgardismus und Strickjäckchenspießertum nicht zu machen.« Mit diesen Zuschreibungen sind doch wohl bestimmte Strömungen der Partei gemeint?
Wenn nur noch strömungstaktisch gedacht wird, ist keine Neubegründung linker Politik möglich. Strickjäckchenspießertum und Borniertheit kann man überall finden. In allen Strömungen und vor allem in dem großen nicht strömungsgebundenen Teil der Partei findet man aber auch Ansätze für ein radikademokratisches und emanzipatorisches Politikverständnis. Insofern verorten wir uns in der Mitte der Partei. Bisher ist es nicht gelungen, die emanzipatorischen Kräfte machttaktisch zu organisieren. Das liegt aber natürlich auch an deren Selbstverständnis als unabhängige und undogmatische Linke. (...)
Interview in: Jungle World Nr. 18, 30. April 2008

Nicht so possierlich wie es scheint ...

Beitrag von Norbert Schepers, geschrieben am 02.05.2008
Der Iltis, das inoffizielle IL-Logo

"Nicht so possierlich wie es scheint", sagt selbstironisch die Interventionistische Linke (IL) über sich mit Bezug auf ihr neues Wappentier, den Iltis. In der IL versammelt sich eine Strömung der undogmatischen radikalen Linken, welche sich schon in den Neunzigern um die Organisationsfrage als eine Konsequenz aus der Selbstkritik der Autonomen der Achtziger bemühte. Diesmal mit mehr Erfolg, zumindest eingedenk der Rolle, welche die IL als Akteurin bei den G8-Protesten 2007 spielen konnte.

... aber auch nicht so flink, wie man meint?

Konsequenterweise gehen solche Prozesse in diesem eher organisationskeptischen Spektrum nicht so flott voran, wie manche wünschen. Daher hat die kürzliche Arbeitskonferenz der IL auch eher dazu gedient, viele inhaltliche, strategische und organisatorische Fragen erstmal anzureissen, und nicht gleich auch zu beantworten.

Unter dem Titel Kurz & nicht bündig findet sich eine erste Einschätzung zum Marburger Treffen, etwas allgemein gehalten aber durchaus treffend. Anfang Juli geht es weiter.

Neu auf dem Stadtplan: Rudi-Dutschke-Straße

Beitrag von Lena Kreck, geschrieben am 30.04.2008

Ab heute gibt es sie endlich, die Rudi-Dutschke-Straße in Berlin. Well done, taz! Nun ist es so, dass Straßen und Plätze, heißen sie nicht gerade „Straße der Völkerfreundschaft“ oder meist sehr treffend „Dorfstraße“, dazu neigen, einen gewissen Personenkult zu zelebrieren, was bei uns emanzipatorischen Linken dann und wann Unbehagen auslöst. Dass es bei Rudi Dutschke kein unbehagliches Gefühl aufkommt, liegt nicht daran, dass er einer von uns ist. Immerhin ist man bei den eigenen Leuten ein bisschen großzügiger, was das Abfeiern einzelner Personen angeht. Nein, es liegt daran, dass die Rudi-Dutschke-Straße auf die Axel-Springer-Straße trifft, dass wir die Springer-Vögel ärgern, dass Linke, ihre Ideen und Handlungen nicht aus den Geschichtsbüchern gestrichen werden und die durch sie erkämpften Errungenschaften in der Öffentlich präsent sind. Zum Beispiel durch einen Name auf einem Straßenschild.

Um dann aber doch noch mal auf den Personenkult zurück zukommen: Frank Spilker war bei dem heutigen Umbenennungs-Event in der Rudi-Dutschke-Straße. War ich aufgeregt, als ich ihm einen Flyer des prager frühlings in die Hand drückte! Sorry, Rudi, das war mein Highlight des Tages.

Es lebe die Prager Kommune

Beitrag von Katja Kipping, geschrieben am 28.04.2008

Bin im Netz auf folgende Ausstellungswerbung gestoßen und fand das ist ein klassischer Fall für die Rubrik "Gefunden und für empfehlenswert befunden":

Es lebe die Prager Kommune! - Von den Leerstellen der Geschichte_n um 68/Ost
Ausstellung im Kino Babylon-Mitte / 9.-16. Mai 2008 von Susann Bartsch, Ulrike Hamann und Anna Straube

Ist 68 im Osten etwa ausgefallen? Oder fällt 68/Ost vor allem heraus aus der offiziellen Geschichtsschreibung? Die Ausstellung will ein unvollständiges Bild dessen zeichnen, was eine 1968er Zeit des Umbruchs, der Hoffnung oder der Enttäuschung in der DDR gewesen sein könnte, wobei die Grenzen zwischen Dokumentation und Projektion fließend bleiben. Wenn die Leerstellen in den Archiven und Erinnerungen sichtbar werden, produzieren sie Fragen und eine Vielzahl von Geschichte_n voller Widersprüche.
Ausstellungseröffnung ist am 9. Mai 2008 / 18 Uhr Babylon Berlin-Mitte / Rosa-Luxemburg-Str. 30 / U2 / Rosa-Luxemburg-Platz

Kontakt: pragerkommune@gmail.com
Dank an: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Robert-Havemann-Archiv, UdK und BStU

"Hanni und Nanni besiegen den Faschismus"

Beitrag von Lena Kreck, geschrieben am 23.04.2008

Den Kinofilm „Die Welle“ kritisiert Tobias Kniebe in der Süddeutschen schlussendlich mit: „Es kommt gar nicht darauf an, wofür man sich zusammenschließt (im Film steht die "Welle" zunächst für gar nichts), allein das Gefühl der Gemeinsamkeit ist schon gefährlich und muss die schlimmsten Kräfte entfesseln. Wer aber ausgerechnet damit vor dem Faschismus warnen will, dass er ihn aller Inhalte beraubt; wer die Gefahr ganz unhistorisch und undifferenziert in Nirgendwo verortet; und wer dann auch noch vorgibt, rettende Wachsamkeit zu verbreiten - der ist doch eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lösung.“ Unrecht hat er da nicht. Der Film überzeichnet und reiht im Kern platt Stereotypen aneinander. Mehr aber auch nicht. Oder wie Ekkehard Knörer in der taz schreibt: „In keiner Sekunde hat "Die Welle" ein irgendwie interessantes Konzept zu den Entstehungsbedingungen der vorgeführten faschistischen Jugendbewegung.“ Deshalb: Lieber zu Hause bleiben oder sich Reyhan Şahin in Chiko ansehen.

Panini mal anders

Beitrag von Lena Kreck, geschrieben am 21.04.2008

Eigentlich sind es ja die anderen, die sich durch gesteigerte Sammelwut auszeichnen. Keinen Schritt kann man tun, ohne gefilmt, fotografiert oder sonst wie ausspioniert zu werden. Schon im Jahr 2004 hat uns der Chaos Computer Club eine Anleitung geliefert, mit der wir uns zumindest ein wenig schützen können. Die Bastelanleitung für eine Fingerabdruckattrappe ist gold wert, möchte man die eigene Datenspur verringern. Die Anleitung ist einfach zu befolgen und äußerst alltagstauglich, kurzum, sie ist schlicht zu empfehlen.

Die Tage war zu hören, dass der Chaos Computer Club ein Album unter die Leute bringt, mit dem man Fingerabdrücke „schnüffelfreundlicher Politiker“ gesammelt werden können. Das ist eine Sache, zumal der Fingerabdruck von Wolfgang Schäuble gleich mitgeliefert wird. Auch wenn eisern das Gegenteil behauptet wird, ganz so egal kann das den Schäubles dieser Welt nicht sein. Und das macht einen Heidenspaß!

Wer nicht hören will, muss fühlen.

Beitrag von Jörg Schindler, geschrieben am 21.04.2008

Als ich gestern in der U-Bahn saß, fiel mir eine ausgelegte Streikzeitung von ver.di, die „publik-extra" in die Hände. Ach ja, die BVG streikt, dachte ich und erinnerte mich an die Diskussionen von damals, als der rot-rote Senat aus dem Tarifvertrag der Länder austrat. War da nicht ein besonders schlaues Argument ins Feld geführt worden? Das ging so: Die Leute im öffentlichen Dienst sind Besitzstandswahrer, die sich dem Solidarbeitrag verweigern, der notwendig ist, um der total aussichtsreichen Klage vor dem Verfassungsgericht zur Entschuldung Berlins zum ultimativen Erfolg zu verhelfen.

Nun, wir wissen ja, wie die Sache ausging. Die Klage war ein voller Erfolg. Berlin ist quasi schuldenfrei. Das Verfassungsgericht hat lediglich moniert, dass zu quietschendes Sparen das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes tangiere. Und nach dem klitzekleinen Solidarbeitrag der Beschäftigten dürfen diese jetzt wieder mit kräftigen Lohnsteigerungen die Binnennachfrage beleben. Denn Senat und Gewerkschaften, Beschäftigte und Arbeitgeber, sie sitzen ja alle in einem Boot. Berlin ist reich, aber leider noch ein bisschen unsexy.

Ich schrecke aus dem Schlummer hoch: Lena meint, wir müssen jetzt aussteigen. Gut, war ein netter kleiner U-Bahn-Traum. Hat nur mit der Realität nix zu tun. Berlin hat neben den vielen Schulden jetzt noch nicht mal mehr einen geltenden Tarifvertrag, so dass man als Bürger am Morgen nicht sicher sein kann, dass am Abend noch die U-Bahn fährt. Naja, wer nicht hören will, muss fühlen. Gekonnt lasse ich die „publik-extra" gut sichtbar auf der Sitzbank liegen.

Blättern:
Sprungmarken: Zum Seitenanfang, Zur Navigation, Zum Inhalt.