Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)

für marx21!

Neues aus dem Linkenstadl

Kolja Möller

Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen kann nach hinten losgehen. Deshalb holt Karl Marx im „Manifest der Kommunistischen Partei“ zum Rundumschlag gegen andere linke Strömungen seiner Zeit aus. Kapitalismuskritik mit dem Ziel „die alten Verhältnisse wiederherzustellen“ findet Marx unerträglich. Deshalb hat die Kommunistische Partei eine doppelte Aufgabe: Sie muss sich in die sozialen Auseinandersetzungen einmischen. Sie hat dort aber nicht die Pflicht, alles nachzuplappern, was andere erzählen, sondern soll für „klares Bewusstsein“ sorgen. Aufklärung lautet also das Programm. Diese Andeutungen wurden später zum wissenschaftlichen Sozialismus verdichtet. Das antikapitalistische Projekt ergibt sich nicht aus moralischer Überlegenheit, Betroffenheit oder den eigenen Vorurteilen. Statt Laberei am Stammtisch über die Ungerechtigkeiten der Welt steht die Analyse und Kritik der kapitalistischen Gesellschaftsformation im Zentrum linker Politik. Dass der wissenschaftliche Sozialismus schließlich zum autoritären Wahrheitsprivileg der Partei geführt hat, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Aber beim Blick auf den post-sozialistischen Charakter der Partei DIE LINKE, in der sich alle gegenseitig ihre Vorurteile übereinander ungehemmt mitteilen, drängt sich die Frage auf: Gibt es da nicht was zu retten? Wie steht es eigentlich um einen zeitgemäßen, marxistisch inspirierten Antikapitalismus?

Wenn man sich die jüngste Diskussion um den Nahen Osten ansieht, tritt geradezu exemplarisch die post-sozialistische Problemlage hervor. Da gibt es selbst ernannte Parteilinke, die renitent bestreiten, dass es auf Seiten der Palästina- Solidarität überhaupt inakzeptable Positionen geben würde. Offensichtlich sind für sie latent antisemitische geprägte Kritiken an Israel unauffindbar. Und weil es sie nicht gibt, tun sie auch nichts dagegen. Der Ex-MdB der Linken Norman Paech hat an Deck der Gaza-Flottille im vergangenen Jahr konsequenterweise keine Workshops zu Friedensperspektiven im Nahen Osten angeboten. Im Gegenteil schwärmte er in einem Fernsehmagazin eine Woche später vom lebendigen „Basar“, der immer an Deck stattgefunden haben soll. Dass man dort an den meisten Ständen ein Pfund Verschwörungstheorie mit zwei Pfund religiösem Fundamentalismus kaufen konnte, interessiert die Bauchlinke erkennbar nicht. Sie setzt darauf, mit den Affekten gegen die schlechten Verhältnisse zu verschmelzen. Dass die Parteitage der LINKEN oft musikantenstadl-ähnlichen Klatschveranstaltungen gleichen, passt zu diesem Bild. Affekte werden von einer Kaste an Berufsbauchlinken für die Wiederwahl ausgebeutet. Das Parteivolk wird mit Affektmanagement beschallt und erkennt sich im moralischen Appell an die soziale Gerechtigkeit wieder. Kapitalismuskritik, die ihre Inspiration eher in romantischen Gedichten im Stile Joseph von Eichendorffs findet als im Marxschen Kapital, mischt sich mit den Taktiken zum Machterhalt im Stile Herbert Wehners. Der Etikettenschwindel floriert: Jüngstes Beispiel ist der MarxIsMuss-Kongress der innerparteilichen Strömung „Marx21“ im vergangenen Juni. YouTube-Aufzeichnungen sprechen eine klare Sprache. Gefühlt alle drei Minuten wird bei Nullaussagen laut gejohlt, um dann vom Katheder her zu begründen, wieso es voll radikal ist, trotz aller Bedenken Wahlkampf für den Berliner Senat zu machen. Und am Ende darf die „Theorie“-Riege der Posttrotzkisten erklären, wieso bei Marx nicht der Inhalt, bspw. seine Frühschriften oder seine Kritik der politischen Ökonomie zählen, sondern vor allem die Form: Marx hätte sich — so die Interpretationslinie — stets praktisch in sozialen Bewegungen engagiert. Drum sei ein guter Marxist natürlich vor allem jener, der es ihm nachtut. Also Zettelverteilen statt Bücherlesen, Klatschen statt Nachfragen, Eichendorff1830 und Wehner1973 statt Marx21.

Diese Ausgangslage liegt auch an der Schwäche der innerparteilichen GymnasiastInnen, die stets die Komplexität der kapitalistischen Gesellschaftsformation herbeizitieren. Statt an einem zeitgemäßen antikapitalistischen Projekt zu arbeiten, das theoretisch auf der Höhe der Zeit ist und auch in eine praktische Politik zu übersetzen wäre, beschäftigt man sich lieber mit „strukturellem Antisemitismus“. Es geht darum nachzuweisen, dass jede Kapitalismuskritik, die nicht von starken werttheoretischen oder systemischen Annahmen geprägt ist, zum Antisemitismus neigt. Faszinierend ist der detektivische Fleiß, mit dem sich das antideutsche Lager daran erfreut, solche strukturellen Antisemitismen aufzuspüren und sodann der Öffentlichkeit zuzueignen. Das Handlungsfeld ist unermesslich groß: Schließlich sind die Keimformen antikapitalistischer Kritik zumeist nicht systematisiert. In praktischen Sozialbewegungen mischt sich meist alles Mögliche von reaktionär bis progressiv. Doch statt gerade hier, wie etwa Marx, Handlungsräume für eine aufklärerische Politik zu erblicken, gefällt sich der Gymnasiast lieber in einer Haltung, die man eigentlich von der reichhaltigen Historie der Seefahrertattoos kennt: Alles Fotzen außer Mami. Man begibt sich nicht ins Handgemenge, sondern liest lieber mit seinen GymnasiastenfreundInnen antideutsche Periodika und beschäftigt sich detailliert mit den einzelnen Grenzübergängen im Gaza-Streifen. Wie wäre es eigentlich damit, mystifizierende Kapitalismuskritik durch bessere abzulösen, Einführungsseminare in marxistische Theorie und Praxis anzubieten, Vorschläge zur Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu machen und die Parteitagsbeschallung durch partizipativere Formate zu ersetzen? Die Gymnasiasten verpassen es leider, der Bauchlinken genau dort einen Schlag zu versetzen, wo sie es wirklich verdient: Dass sie weder eine adäquate Systemkritik noch eine systemkritische Parteipraxis parat hält. Marx21 is still to come.

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Artikel aus der Ausgabe Oktober 2011
Prager Frühling Oktober 2011

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Kommentare

  • Wie wissenschaftlich war der Sozialismus?

    Kommentar von Bernhard Mankwald
    geschrieben am 23. Okt 2011 14:48

    Kolja Möller beschreibt treffend, wie man mit viel Aufwand praxistaugliche Erkenntnisse verhindern statt fördern kann. In der Tat ist es eine gute Idee, das zu ändern. Ein Schritt dazu mag es sein, dem Anspruch des "wissenschaftlichen Sozialismus" noch etwas näher auf den Zahn zu fühlen.

    Engels sah in der Ökonomie von Marx, in seinen eigenen Studien zur Entwicklung der Klassengesellschaft und zur Naturgeschichte einen Fortschritt gegenüber dem "utopischen" früheren Sozialismus. Diese Theorien sind rational und empirisch begründet und können daher zurecht als wissenschaftlich bezeichnet werden. Um ewige Wahrheiten handelt es sich deshalb noch lange nicht, sondern eben um Theorien, die sich der Kritik stellen und für Weiterentwicklung offen sein müssen.

    Die "Verdichtung", der Anspruch aufs "autoritäre Wahrheitsprivileg" kennzeichnet den Weg zurück zum Dogma. Dafür kann man sich nicht auf Marx und Engels berufen; für sie war "Orthodoxie" gleichbedeutend mit blindem Gehorsam (vgl. MEW Bd. 18 S. 346). Die einmal erreichte Wissenschaftlichkeit kann also auch wieder verloren gehen, wie etwa Lenins utopische Pläne zeigen, die mangelnde Reife der russischen Bewegung durch organisatorische Maßregeln zu kompensieren.

    "Lenins 'eigens ausgeheckte Organisation' war zwar vordergründig nur dazu gedacht, 'die Organisation des Proletariats zur Klasse' zu fördern, entwickelte aber die Neigung, sie zu ersetzen. Es sollte sich zeigen, daß sie auch die noch zu schaffende Gesellschaft beherrschen und entscheidend prägen würde." (B. Mankwald 2010, Das Rezept des Dr. Marx, S. 67) Statt als relativ harmlosen "Utopisten" hätte Marx Lenin daher wohl eher als gefährlichen Anwärter auf die Diktatur über das Proletariat behandelt.

    Wenn also weite Teile der von Kolja Möller so schön charakterisierten "Bauchlinken" Lenin immer noch als Ikone behandeln, dann wiederholen sie getreu dem Wort des Propheten die Tragödie der russischen Revolution fortwährend als Farce. Ein Marxismus, der dem Sektenghetto entkommen will, sollte auch diesen Teil der eigenen Geschichte so verstehen, wie Marx es uns demonstriert hat: als Geschichte von Klassenkämpfen.

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Die neue Ausgabe des prager frühling erscheint am 26.10.2012 und kann hier bestellt werden.Im Schwerpunkt geht es diesmal um die „Neue soziale Idee“ und damit die Frage nach emanzipatorischen Potentialen, aber auch den Grenzen einer linken Sozialpolitik.

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Mitte Oktober 2008 kam die zweite Ausgabe von prager frühling, dem neuem Magazin für Freiheit und Sozialismus. Das nächste Heft widmet sich schwerpunktmäßig dem Verhältnis von Politik und Kultur. Ziel der Redaktion ist es, politisches Engagement und Kultur einander näher zu bringen. Dabei geht es nicht um eine Kolonisierung des einen Bereichs durch den anderen ...

Neue Linke: Alles beim Alten?

NeuBegründung als Bruch nach vorn

Der Schwerpunkt der ersten Ausgabe des Magazins prager frühling heißt "Refound: NeuBegründung". Unsere Autorinnen erklären was der "Bruch nach vorn" ist. Mit dabei Frigga Haug, Thomas Seibert, Hans Jürgen Urban, Daniela Dahn und Michel Friedmann.

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