Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)

Weiße Sklaverei?

Der Diskurs über „Menschenhandel“ im Deutschen Kaiserreich

Karina Müller-Wienbergen
Die voyeuristische Lust am Skandal - Beitrag zur weißen Sklaverei um die Wende zum 20. Jahrhundert

Am 6.2.1894 lenkte der SPD-Abgeordnete August Bebel die Aufmerksamkeit des Reichstags auf ein Phänomen, das im ausgehenden 19. Jahrhundert in aller Munde war: „Was ich im Auge habe, sind die fortgesetzten Transporte von Mädchen, die für Lustzwecke nach außerdeutschen Ländern, ich möchte sagen: nach allen Ländern der Erde, versandt werden.“[1]

Bemühen immer noch gern die Metapher der weißen Sklaverei: Anhänger der Teaparty

Der Diskurs über Mädchenhandel war kein allein deutsches Phänomen, auch in anderen europäischen aber auch in überseeischen Staaten waren die white slavery bzw. traite des blanches-Debatten präsent. Dabei bezog sich insbesondere das Bürgertum immer wieder auf die Figur des weißen unschuldigen Mädchens, das Opfer international vernetzter, oftmals jüdisch immer fremdartig markierter Mädchenhändlerringe wurde. Letztere verführten junge Frauen mittels Heiratsversprechen oder — ganz im Zeichen der Moderne — mit attraktiven Stellenangeboten und luxuriösen Konsumgütern zur Auswanderung. Angekommen in Übersee seien die naiven Mädchen schließlich skrupellos in Bordelle gesperrt und ausgebeutet worden. Gänzlich ausgespart blieb dabei der Wunsch nach Selbstermächtigung.

Auch um 1900 wollten Frauen auswandern, hatten aber aufgrund der restriktiven Migrationspolitik keine andere Wahl, Grenzen jenseits der patriachalen Kontrolle der Familie bzw. des Staates zu überqueren. Der Diskurs über Mädchenhändler und Mädchenhändlerinnen war somit immer auch ein Versuch weibliche Mobilität und Migration zu kontrollieren.

Soziale wie wirtschaftliche Missstände und gewaltsame Familienverhältnisse machten die Reise nach Übersee zu einer attraktiven Alternative zum tristen vorbestimmten Leben gerade in den ärmsten Regionen Europas. Doch verklangen Stimmen, die dies als Armutsmigration thematisierten, ungehört. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass selbst die im Duktus der bürgerlichen Fürsorgebewegung gehaltenen Reisereportagen[2] Berta Pappenheims, mit denen die Reformerin auf die desolaten Lebensumstände in Galizien als Grund für den Mädchenhandel aufmerksam machen wollte, keinen Widerhall fanden. Auf zahlreichen nationalen und internationalen Konferenzen seit den späten 1890er beschränkten sich die Maßnahmen gegen die MädchenhändlerInnen auf juristische Mittel der Strafverfolgung und repressive Maßnahmen der Mobilitätsüberwachung. Lenin fasste das bürgerliche Engagement folgendermaßen sarkastisch zusammen: „In London wurde vor kurzem der ‘Fünfte Internationale Kongreß zur Unterdrückung des Mädchenhandels’ beendet. Herzoginnen waren dort aufmarschiert, Gräfinnen, Bischöfe, Pastoren, Rabbiner, Polizeibeamte und alle Sorten bürgerlicher Philanthropen! Wie viele Festessen gab es da und wie viele prunkvolle Empfänge! Wie viele feierliche Reden wurden gehalten über die Schädlichkeit und Verwerflichkeit der Prostitution! Welches aber waren die Kampfmittel, die von den vornehmen bürgerlichen Kongreßdelegierten gefordert wurden? In der Hauptsache waren es zwei Mittel: Religion und Polizei.”[3]

Ausgeweitete Grenz- und Passkontrollen hatten also zum Ziel weibliche Mobilität zu verunmöglichen und Grenzen nach rassistischen wie antisemitischen Kriterien unpassierbar zu machen. Die Figur der weißen (Sex-)Sklavin und die damit verbundene Viktimisierung junger Frauen diente dazu, polizeiliche Zugriffsmöglichkeiten auszuweiten, Menschenrechte außer Kraft zu setzen und Grenzen im Zeichen der Sicherheit zu schließen – damals wie heute.

Das laute Schweigen der deutschen ArbeiterInnenbewegung zu diesem Thema zeigt außerdem, dass Sexarbeit als Überlebensstrategie zum Lebensalltag der Arbeiterklasse gehörte. Der das Bürgertum so sehr erzürnende Gesichtspunkt, dass im Falle des Mädchenhandels Grenzen überquert wurden, war angesichts der tolerierten und oftmals forcierten Binnenwanderungen unter Sexarbeiterinnen scheinbar nicht weiter von Belang.

Warum also solch eine Aufregung, wie sie in den Worten Bebels mitklingt? Die Öffentlichkeit um 1900, angeheizt von beinahe täglichen Zeitungsberichten über noch grausamere Fälle von Mädchenhandel, labte sich an diesen modernen sex and crime Geschichten. Voller Inbrunst wurde ebenso von Mädchen, die in Schrankkoffern über den Atlantik transportiert wurden, berichtet wie von exotischen Bordellen und Mädchenhändlern, die in Codes miteinander kommunizierten. So decodierte Bebel fasziniert in Die Frau und der Sozialismus für seine Leserschaft: „‚5 Faß Ungarwein langen dann und dann in Varna an‘, womit fünf sehr schöne Mädchen gemeint sind“[4]. Das Reden, Filmen und Schreiben über die Opfer und Orte des Mädchenhandels eröffnete die Möglichkeit in der bürgerlichen Gesellschaft tabuisierten sexuellen Fantasien einen ungefährlichen Raum zu geben. Dass dieser nicht nur männlich codiert war, zeigen Publikumsanalysen der nach 1900 so populären Genre-Filme wie etwa The Inside of the White Slave Traffic: Es waren vor allem junge Frauen, die in die Kinos strömten, um das Schicksal dieser Mädchen zu beweinen.

Gleichzeitig offenbart das Rauschen in den Zeitungsblättern zeitgenössische Ängste angesichts der immer größeren, sich immer schneller drehenden Welt. Die zunehmende Globalisierung ließ die Welt unübersichtlicher werden. Alt bekannte Zugehörigkeiten und Ordnungsmuster verloren an Stabilität. So entdeckten junge, berufstätige Frauen Unabhängigkeit und Selbstständigkeit und verwehrten sich zunehmend dem familiären Zugriff. Und auch die staatlichen Akteure fürchteten um ihre Einflusssphären im Zeichen scheinbar unkontrollierbarer Mobilität durch Telegraphie und Dampfschifffahrt sowie beständig mächtigeren Wirtschaftsunternehmungen, zu denen eben auch im Dunklen der Mädchenhandel zählte. Die weiße Frau als beliebig verhandelbare Ware – eine Vorstellung, die im Zeichen erstarkender Nationalismen und der damit verbundenen Vorstellung, dass die Frau für die Reproduktion und damit für den Fortbestand der Nation unersetzlich sei, das Bürgertum erzittern ließ und alles daran setzte das Thema Mädchenhandel auf die politische Agenda zu setzen.

Verweise:

[1] August Bebel im Reichstag am 6.2.1894, 42. Sitzung.

[2] Bertha Pappenheim: Sisyphos: Gegen den Mädchenhandel – Galizien. Hrsg. Von Helga Heubach. Freiburg 1992.

[3] In: Rabotschaja Prawda, 13. Juli 1913 (zit. nach W. I. Lenin: Werke, Bd. 9, Berlin 1977, S. 250)

[4] Die Frau und der Sozialismus, S. 226.

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Artikel aus der Ausgabe Juni 2014
Prager Frühling Juni 2014

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