Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)

Die verborgenen Stätten der Reproduktion

Marxismus feministisch vom Kopf auf die Füße stellen

Tove Soiland
Tove Soyland

Marxismus-Feminismus ist, wie wir spätestens seit dem diesjährigen Kongress The Strength of Critique. Trajectories of Marxism-Feminism wissen, kein einheitliches Theoriegebäude. Keiner akademischen Schulbildung entsprungen, sondern in der Schule der Zweiten Frauenbewegung selbst und somit als Resultat kollektiver Theoriebildung entstanden, ist M-F dementsprechend heterogen. Gleichwohl gibt es einen gemeinsamen Fokus: Allen Ausrichtungen gemein ist die Skandalisierung von Ausbeutungsformen, die nicht in der normalen Lohnarbeit aufgeht. Wenn es Marx‘ eigentliche Leistung war, aufgedeckt zu haben, wie unter kapitalistischen Verhältnissen Aneignung fremden Eigentums in vertraglich korrekter Form stattfinden kann, nämlich „in den verborgenen Stätten der Produktion“ als Mehrwertakkumulation, so machten marxistisch orientierte Feministinnen spätestens ab den 1970er Jahren geltend, dass dieser sozusagen „normalen“ Form der Ausbeutung, die Marx mit dem Mehrwert vor Augen stand, eine andere, nicht nur von Marx selbst , sondern vor allem vom späteren Marxismus ignorierte Form der Ausbeutung zugrunde lag: Die in den Haushalten meist von Frauen gratis verrichtete Hausarbeit erwies sich bei näherer Betrachtung als die noch viel verborgenere Stätte der Reproduktion, die, so die These der damaligen Feministinnen, die Ausbeutung der normalen Lohnarbeit nicht nur überhaupt ermöglichte, sondern diese in ihrem Beitrag für die gesamte Kapitalakkumulation bei weitem Überstieg: Bevor ein Arbeiter in der Fabrik lohnerwerbstätig und damit an seinem Mehrwert ausbeutbar wird, ist sehr viel Gratis-Arbeit notwendig, die von den Lohnkosten in keinerlei Weise abgedeckt sind.

Wie richtig diese Annahme war, wissen wir spätestens seit der Erhebung des um die Gratisarbeit erweiterten Bruttoinlandproduktes: die Volumen der in Haushalten unbezahlt geleisteten Arbeit übersteigt heute in den meisten westlich-kapitalistischen Gesellschaften dasjenige der Lohnerwerbsarbeit (Madörin 2010).

Infragestellungen

Feministinnen stellten mit dieser Sichtweise eine zentrale Grundannahme von Marx in Frage, nämlich, dass sich die Kapitalakkumulation nach jenem ersten, auch von Marx anerkannten Prozess der „ursprünglichen Akkumulation“ ausschließlich im Rahmen der von ihm analysierten Mehrwertausbeutung abspiele. Und sie brachten damit auch andere politische Subjekte als den traditionellen Blue-Collar-Arbeiter ins Spiel. In einer auch heute noch beeindruckend eigenständigen Theoriebildung haben insb. die damaligen Bielefelder Soziologinnen Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof in Anlehnung an Rosa Luxemburgs These, dass „der Kapitalismus auch in seiner vollen Reife in jeder Beziehung auf die gleichzeitige Existenz nichtkapitalistischer Schichten und Gesellschaften angewiesen ist“ (GS 5: 313), postuliert, dass die häusliche Produktion mit ihrer unbezahlten Reproduktionsarbeit als eine solche nicht-kapitalistische Produktionsweise aufzufassen sei. Rückblickend fasst Mies das, was sie und ihre Kolleginnen damals theoretisch zu fassen suchten, in das Bild einer „Unterwasser-Ökonomie“, in der die Lohnarbeit und damit die normale Form der Ausbeutung nur die „Spitze des Eisbergs“ ist, die auf einem unsichtbaren Sockel unbezahlter Subsistenzarbeit fußt, der ganz andern Formen von Enteignung ausgesetzt ist (Mies 2009: 275). Damit nahmen die Bielefelder Soziologinnen nicht nur die heutige Diskussion um Neue Landnahmen vorweg, deren zentrale Aussage es ist, dass Formen der „Akkumulation durch Enteignung“ von ihrem Umfang her die Ausbeutung der Lohnarbeit bei weitem übersteigt (Harvey 2005). Sie sahen es auch als Fehleinschätzung der damaligen Linken, davon auszugehen, dass der voranschreitende Kapitalismus schließlich alle Menschen in Normalarbeitsverhältnisse und damit in die „normale“ Form der Ausbeutung integrieren würde. Dessen Voranschreiten, so ihre damals geradezu visionäre These, führt im Gegenteil dazu, dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung sich mehrheitlich außerhalb von Lohnverhältnissen reproduziert, dass mit anderen Worten mit zunehmender Ausdehnung kapitalistischer Verhältnisse auch eine (städtische) Subsistenzproduktion laufend wächst.

Die Hausfrauisierung der Lohnarbeit

Mit dem in diesem Zusammenhang geprägten Begriff einer „Hausfrauisierung der Lohnarbeit“ nahmen sie damit in gewisser Weise auch die heutige Diskussion um Prekarisierung vorweg. Mit diesem Begriff verbanden die Bielefelder Soziologinnen schon damals den Übergang von – eben eigentlich nur für die kurze Zeit des Fordismus geltenden – Normalarbeitsverhältnissen in deregulierte Formen von Lohnarbeit für alle. Von „Hausfrauisierung“, so ihre damalige Prognose, würden im Zuge der Globalisierung alle Erwerbstätigen, also auch Männer, betroffen. Um dieses Phänomen zu bezeichnen, prägte Bennholdt-Thomsen bereits zu Beginn der 1980er Jahre den Begriff der „marginalen Masse“ (1981: 43). „Masse“ meint, dass mittlerweile (in weit entwickelten Kapitalismen wie den unsrigen) eine Mehrheit der Bevölkerung so funktionieren muss. „Marginal“ meint, dass sie eine „Randexistenz“ führen, die jedoch zur „Normalität“ wird. Die Bedeutung der „marginalen Masse“ liegt für Bennholdt-Thomsen darin, dass diese sich aus der Perspektive des Kapitals kostenlos reproduziert, ihm aber, je nach Bedarf, dennoch wieder zur Verfügung steht. Ihre Reproduktionskosten sind damit, obwohl sie Lohnerwerbstätige sind, in keiner Weise vom Kapital entschädigt, ein Umstand, den Marx kaum vorsah. Die „Hausfrauisierung der Lohnarbeit“ postuliert damit letztlich das – für kapitalistische Verhältnisse notwendige – Verquicksein von Lohn- und Subsistenzarbeit. Diese Theoretikerinnen gingen damit von einer gerade in fortgeschrittenen Kapitalismen notwendig werdenden Artikulation unterschiedlichen Produktionsweisen aus.

Dass heute der Care-Sektor zum privilegierten Ort hausfrauisierter Lohnarbeit und damit zum wichtigsten Arbeitsfeld der marginalen Masse geworden ist, konnten allerdings die Bielefelder Soziologinnen damals noch nicht vorhersehen. Durch die teilweise Überführung der vormals von Frauen unentgeltlich geleisteter Arbeit in die Lohnförmigkeit ist ein laufend expandierende wertschöpfungsschwacher Sektor entstanden, in dem es unter kapitalistischen Verhältnissen kaum möglich ist, ein existenzsicherndes Einkommen zu generieren. Die darin Tätigen, wiederum meist Frauen, bleiben deshalb, und weil sie heute oftmals selbst Haushaltsvorständinnen sind, für ihre eigene Reproduktion in großem Umfang auf die unbezahlte Arbeit – meinst anderer Frauen – angewiesen, die damit demselben Mechanismus ausgesetzt sind.

Um die damalige Hausarbeitsdebatte und somit den Marxismus-Feminismus für postfordistische Verhältnisse zu adaptieren, ist deshalb ein Zusammengehen mit der seit Beginn der 1990er Jahre neu entstandenen Feministischen Ökonomie notwendig, die mit ihrem Begriff der Care-Ökonomie genau dieses Wechselverhältnis zwischen bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit zu fassen sucht. Die feministische Ökonomie stellt damit ein wichtiges Mittel bereit, den Care-Sektor sowohl von den ökonomischen Dynamiken wie von den Größenordnungen her mit dem übrigen Teil der Wirtschaft in Beziehung zu setzen (Madörin 2010; 2014). Sie kann damit teilweise erklären, warum die auch von einem Teil der Frauenbewegung als Weg der Emanzipation angestrebte Überführung der vormals von Frauen gratis verrichteten Hausarbeit in die Lohnförmigkeit unter kapitalistischen Verhältnisses zwangsläufig dazu führt, dass der Care-Sektor ein Niedriglohnsektor bleibt.

Genau in diesem Punkt aber stimmt auch der produktivistische Bias des Marxismus nicht: Produktivitätsfortschritte erhöhen nicht zwangsläufig den Lebensstandard für alle. Wenn heute in fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften rund 30% des BIP dem wertschöpfungsschwachen Care-Sekor zuzurechnen sind, so stellt dies ganz neue Fragen – auch an eine marxistische Linke, die in diesem Punkt oftmals immer noch „fordistisch“ denkt.//

Neue Widersprüche zwischen den Sektoren der Wertschöpfung

Insgesamt lässt sich deshalb mit Silvia Federici sagen, dass wir heute nicht mehr von einem generellen Widerspruch oder Interessenskonflikt zwischen Kapital und Arbeit ausgehen können, wie das noch zu Marx‘ Zeiten der Fall war. Nicht alle Lohnerwerbstätigen geraten heute unter Druck, sondern vorrangig diejenigen, die in irgendeiner Weise in Reproduktionsarbeit, bezahlte wie unbezahlte, involviert, d.h. im Care-Sektor tätig sind. So betrachtet verläuft der neue Widerspruch heute vielmehr zwischen dem wertschöpfungsschwachen und dem wertschöpfungsstarken Sektor resp. zwischen den Personengruppen, die jeweils darin beschäftigt sind.

Neoliberale Restrukturierungsprogramm intervenieren nicht zufällig vorrangig in diesen wertschöpfungsschwachen Sektor, weil er es ist, der die Kapitalinteressen am meisten tangiert. Neoliberalismus, so ließe sich aus der Perspektive eines aktualisierten Marxismus-Feminismus sagen, ist deshalb nicht einfach die Privatisierung von Bahn und Post. Er ist auch und vielleicht sogar vorrangig eine massiver Eingriff in die Weise, wie Menschen heute gezwungen sind, sich zu reproduzieren. Was sich hier vollzieht, ist ein stillschweigendes Strukturanpassungsprogramm für den Bereich der individuellen und sozialen Reproduktion, das weitgehen unbeachtet – und damit auch ungestört – von (traditioneller) linker Theoriebildung operiert.

Es sei denn, es interveniere hier ein neu erwachter Marxismus-Feminismus – was er ja glücklicherweise an verschiedensten Orten bereits tut.

Tove Soiland unterrichtet feministische und politische Theorie bei einer Gewerkschaft und anderen Bildungsinstitutionen. Sie ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik.

Literatur

Fraser, Nancy (2014: Behind Marx’s hidden abpode. In: New Left Revies 86, S. 55-72

Haug, Frigga (1990): Ökonomie der Zeit, darin löst sich schliesslich alle Ökonomie auf. Neue Herausforderungen an einen sozialistischen Feminismus. In: Das Argument 184, S. 879-893.

Bennholdt-Thomsen, Veronika (1981): Subsistenzproduktion und erweiterte Reproduktion. Ein Beitrag zur Produktionsweisendiskussion. In: Gesellschaft: Beiträge zur Marxschen Theorie 14 (hrsg. H.G. Backhaus et al.). Frankfurt: , S. 30-51.

Donath, Susan (2001): The Other Economy. A Suggestion for a Distinctively Feminist Economics. In: Feminist Economics, vol. 6, no. 1, 115-123, (dt. Übersetzung in: Bischel, Iris et al., 2014: Kritik des kritischen Denkens (= Denknetz Jahrbuch 2014). Zürich, 167-177).

Chorus, Silke (2007): Ökonomie und Geschlecht? Regulationstheorie und Geschlechterverhältnisse im Fordimus und Postfordismus. VDM Verlag.

Federici, Silvia (2010): The reproduction of labour-power in the global economy, Marxist theory and the unfinished feminist revolution. Reading for Jan. 27, 2009, UC Santa Cruz seminar “The Crisis of Social Reproduction and Feminist Struggle”.
https://caringlabor.wordpress.com/2010/10/25/silvia-federici-the-reproduction-of-labour-power-in-the-global-economy-marxist-theory-and-the-unfinished-feminist-revolution/ (4.2.2015).

Feministische Autorinnengruppe (2013): Das Theorem der neuen Landnahme: eine feministische Rückeroberung. In: Baumann, Hans/Bischel, Iris et al. (Hg.): Care statt Crash. Sorgeökonomie und die Überwindung des Kapitalismus. (= Denknetz Jahrbuch 2013). Zürich, 99-118.

Harvey, David (2005): Der Neue Imperialismus. Hamburg: VSA.

Luxemburg, Rosa (1978, erst. 1912): Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus. In: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke Band 5, Ökonomische Schriften. Ostberlin (zit. als GW Bd. 5).

Madörin, Mascha (2010): Care-Ökonomie – eine Herausforderung für die Wirtschaftswissenschaften. In: Bauhardt, Christine / Cağlar, Gülay (Hg.): Gender and Economics. Feministische Kritik der politischen Ökonomie. Wiesbaden, 81-103.

Madörin, Mascha (2011): Das Auseinanderdriften der Arbeitsproduktivitäten: Eine feministische Sicht. In: Denknetz (Hg.): Gesellschaftliche Produktivität jenseits der Warenform. Jahrbuch 2011. Zürich, 56-70.

Madörin, Mascha (2014): Kommentar zu Donaths Artikel aus der Sicht einer feministischen Politökonomin. In: Bischel, Iris / Knobloch, Ulrike et al.: Kritik des kritischen Denkens. (= Denknetz Jahrbuch 2014). Zürich, 178-187.

Marx, Karl (1962): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Berlin (MEW 23).

Mies, Maria (2009): Hausfrauisierung, Globalisierung, Subsistenzproduktion. In: Linden, Marcel von der / Roth, Karl Heinz: Über Marx hinaus. Hamburg, 255-290.

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Artikel aus der Ausgabe Juni 2015
Prager Frühling Juni 2015

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