Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)

Opium und Speed

Zu Besuch bei den Freikirchen

Karsten Krampitz und Jörn Wegner

Christen allein zu Haus. So ein „Jesus-Abhäng-Abend“ tut der Seele gut, wenn Tee getrunken und gebetet wird. Und gesungen: „Oh, Lord. Thank you for he pain/ let it rain, let it rain.“

Und da ist es egal, „ob die Erde jetzt 6.000 oder 10.000 Jahre alt ist“, wie uns in dem Kreis erklärt wird. Die Jesus Freaks sind eine lustige Truppe, in der Eso-Tanten und Neuhippies gemeinsam Jesus Christus feiern und auf die Erlösung warten. Erlösung ist wichtig in der Freikirche. Doch genauso wichtig sind möglichst präzise Zeitangaben.

Keine 10.000 aber immerhin 10 Jahre prophezeite einst ein hier ungenannter Linksruck-Funktionär bis zum Ausbruch der Revolution. Die Zeit darf nicht unterschätzt werden. Sie gibt dem Glaubensbekenntnis ein Ziel, ohne sie wäre der manchmal zum Fanatismus neigende missionarische Eifer doch recht verloren. Linksruck heißt heute marx21 und bekämpft den faulenden bürgerlichen Parlamentarismus mittlerweile mit eigenen Abgeordneten. Damit hat die trotzkistische Freikirche, die seit einigen Jahren in der Linkspartei um Gläubige ringt, einen großen Vorteil gegenüber konkurrierenden Bekenntnissen: Die vor allem im Bundestag recht großzügigen Diäten ersparen den Linksruck-Jüngern das unverzichtbare Ritual anderer Glaubensgemeinschaften, ihre Evangelien in gedruckter Form an den Mann und die Frau zu bringen und damit Geld in den Klingelbeutel zu bekommen. Unter dieser Last leidet hingegen die Konkurrenz noch immer. Auf jeder Demo findet man daher den Campingtisch, auf dem die aktuellen Hirtenbriefe ausliegen. Da wäre zum Beispiel die Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands. Ihre Propheten missionieren noch immer durch die Protestbewegungen der Republik und versuchen, mit beneidenswerter Beständigkeit ihre eng bedruckten Publikationen in bare Münze umzuwandeln. Der Spartakist nimmt dabei eine Randstellung ein. Die Spartakisten sind sozusagen die Nordkoreaner des Trotzkismus, die die Lehre des Volkskommissars weiterentwickelt haben. Sie dürften die einzigen Trotzkisten auf der Welt sein, die beständig dazu aufrufen, eine bizarre neostalinistische Erbdiktatur vor dem aggressiven US-Imperialismus zu verteidigen. Ob das der Genosse Trotzki gut gefunden hätte? Aber Trotzki gehört ja auch maximal noch zu den Stammvätern, Propheten sind andere. Bei Linksruck alias marx21 ist es beispielsweise Tony Cliff, der Übervater und Verfasser sämtlicher Evangelien, die akribisch von den Schäfchen studiert werden.

Das Heilige Land fast aller politischen Freikirchen ist Großbritannien, ihr Jerusalem heißt London. Dort residieren die weltweit tätigen Dachkirchen, zum Beispiel die International Socialist Tendency (IST), deren deutsche Mission eben Linksruck ist, oder das Committee for a Worker’s International, das in Deutschland über die SAV die Erlösung predigt. Der Tempel der IST ist prominent gelegen. In der Bloomsbury Street Nr. 1, um die Ecke vom British Museum inmitten des High Street-Kapitalismus, findet sich ein kleiner Buchladen. Wenn man hineingeht, kann man sich durch herumhängende Palitücher zu Büchern über die Verbindung von Faschismus und Zionismus oder über den aufreibenden Kampf gegen Stalinismus und US-Imperialismus durchkämpfen. Und natürlich werden auch die Botschaften Tony Cliffs unter die Glaubensbrüder und -schwestern gebracht, auf dass sie weltweit verbreitet werden. Junge Menschen mit Bekenntnis-T-Shirts sitzen in dem ziemlich engen Raum zwischen Bücherkisten und ab und zu stürmt ein Jünger in den Laden, um einen Stapel Zeitungen abzuliefern oder die neuesten Nachrichten von irgendeiner Prozession gegen den Krieg in Afghanistan oder das Sparpaket der Cameron-Regierung zu übermitteln. Währenddessen akzeptiert der junge Revolutionär hinter der Kasse alle gängigen Kreditkarten. Visa, American Express und Mastercard finanzieren die Bewegung. Bewegung ist auch so eine Sache. Sie ist das Amen der Freikirche, das magische Wort. Die Jünger der Freikirchen geraten üblicherweise schon beim Glaubensbekenntnis in Verzückung. Das Bekenntnis zur totalen Radikalität ersetzt die tatsächliche Radikalität und sorgt für das heimelige Gemeinschaftsgefühl. Regelrecht ekstatisch geht es hingegen zu, wenn die Bewegung ins Spiel gerät. Eine gute Predigt preist die Hinwendung der Freikirche zu eben dieser Bewegung in den höchsten Tönen und führt idealerweise genau an, wieviele tausend Menschen sich zum letzten Glaubensevent in den extra angemieteten Universitätshörsälen eingefunden haben, um sich gemeinschaftlich zu bewegen. Wer auf das Bekenntnis zur Bewegung verzichtet, hat sich selbst der Ketzerei schuldig gemacht und riskiert die Exkommunikation.

Die Freikirchen fristen kein einfaches Dasein. Ständig müssen Evangelien mit der Realität abgestimmt und neu verfasst werden, dauernd müssen neue Schäfchen gewonnen werden, während die abtrünnigen den Kirchenoberen Kopfzerbrechen bereiten. Hinzu kommen die Gefahren der säkularen Welt, seien es die verlockenden Fleischtöpfe des Parlamentarismus oder die zunehmende Abkehr der Menschen von Heilsversprechen und Glaubensbekenntnissen.

Das waren noch Zeiten, da Gott einfach nur tot war und die radikale Linke wusste, was denn nun werden soll; Religion war Opium des Volkes und der Kommunismus das Speed. Heute wird einem nur noch synthetischer Mist angeboten, sei es beim Plenum, auf der antikapitalistischen Konferenz oder im Gebetskreis. Und überhaupt, mal ganz nüchtern betrachtet: Wie alt ist denn nun die Erde? Bei den Jesus-Freaks in Berlin will man sich nicht endgültig festlegen; schließlich weiß man auch nicht, wann die Erde untergeht. Auch kein Verlass mehr, wenn man mal nach einer Antwort sucht. Jetzt sind wir aber erst mal gespannt, ob denn nun, wie prophezeit, 2016 Revolution ist oder nicht. Wird ja auch langsam Zeit mit der Erlösung, die vielen Zeitungen sollen doch nicht umsonst verkauft und die abertausenden Flyer nicht ohne Grund verteilt worden sein.

Autoreninfo:

Karsten Krampitz und Jörn Wegner sind gelegentlich als Hobbytheologen tätig und klatschen gern Beifall, wenn jemand „Revolution“ sagt und sowieso ganz doll gegen Anpassung und Stöckchenspringerei ist.

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Artikel aus der Ausgabe Februar 2012
Prager Frühling Februar 2012

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Der Schwerpunkt der ersten Ausgabe des Magazins prager frühling heißt "Refound: NeuBegründung". Unsere Autorinnen erklären was der "Bruch nach vorn" ist. Mit dabei Frigga Haug, Thomas Seibert, Hans Jürgen Urban, Daniela Dahn und Michel Friedmann.

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