Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)

für die, denen die welt nicht gehört

Zehn selten erhobene fortschrittliche Forderungen an die Besitzlosen

Dietmar Dath
Wer war der britische Komponist, der gegen den Rassismus gekämpft hat und den nachts im Winter ein Auto überfuhr? Seine Notationstechnik war jedenfall diese ...

(Gebrauchshinweis: Unter „Besitz“ versteht der nachfolgende Katalog nicht, dass jemand eine Hose, ein Auto, einen Dildo oder eine Tiefkühlpizza hat. Besitz im politisch belangvollen Wortsinn ist nur gegeben, wo ich über etwas verfüge, das andere zwingt, sich dafür krummzulegen, herumschubsen zu lassen oder zu buckeln, dass ich so leben kann, wie ich lebe. Wenn ich Grundeigentum, Häuser oder Wohnungen besitze, muss jemand, der da wohnen oder diese Besitztümer bewirtschaften will, einen Teil des eigenen Lohns, Gehalts oder ähnliches an mich abtreten. Wenn mir Kapital gehört, lasse ich es für mich arbeiten, das heißt, ich eigne mir in Wirklichkeit die Arbeit anderer Leute an. Wer diesen Sprachgebrauch nicht mag, soll sich bei Karl Marx beschweren, der ist tot und hat Zeit für Kleinigkeiten.)

Erstens: Bitte nicht immer die Besitzenden, also die Gegenpartei im Kampf ums Ende von Ausbeutung, Unterdrückung, Ausgrenzung, Benachteiligung und menschlicher Ekelhaftigkeit, zur Schiedsrichterinstanz ernennen, die darüber zu befinden hat, ob und wie eine Runde dieses Kampfes gewonnen wird oder nicht!

Erläuterung: In der ersten Staffel der ausgezeichneten Fantasy-Fernsehserie „Game of Thrones“ nach dem gleichnamigen Roman von George R.R. Martin gelingt es Rebellen, einen Sohn der reichen und mächtigen Unterdrückerfamilie Lannister gefangen zu nehmen. Der Mann appelliert an die Ehre der Aufständischen und fordert einen ihrer Rädelsführer zum Zweikampf. Die Rebellen wissen, dass das Geld, die Muße und das Zeitkonto eines reichen Sohnes ihm erlauben, sich eine hervorragende Schwertkämpferausbildung zu leisten. Sie sind nicht bescheuert und lehnen das testosteronverseuchte Angebot dankend ab. Der Bursche bleibt Gefangener, zur späteren sinnvollen Verwendung.

Zweitens: Das erbärmliche Scheinargument, irgendein kühnes, fortschrittliches soziales Vorhaben, wie beispielsweise die Geschlechtergleichstellung, die Aufhebung der Heteronormativität, die Zerstörung des Rassismus, der unbedrohte, nicht umzingelte Sozialismus, der globale Frieden oder Fußballabende ohne Schläger seien nicht durchführbar, weil es so etwas auf der Welt noch nie gegeben habe, muss kräftiger ausgelacht werden!

Erläuterung: Wer sind bloß diese Dummköpfe, denen das immer einfällt? Nur die eintönigste, uninteressanteste Scheiße lässt zu, dass man über sie sagt, das habe es schon gegeben. Jedes gelungene Bild oder Lied, jeder minimal interessante Text, jede horizonterweiternde wissenschaftliche Entdeckung hat es zuvor noch nie gegeben. Und jedes menschliche Wesen wird, wenn es auf die Welt kommt, zum allerersten Mal geboren. Es gibt keine Präzedenz für Schönheit, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Drittens: Bitte nie vergessen, dass die Besitzenden und ihre Propaganda-Abteilungen grundsätzlich keine Vorstellung von Geschichte haben und nur dann so tun, als hätten sie eine, wenn sie ihr eigenes Verschwinden im Zuge geschichtlicher Umwälzungen fürchten!

Erläuterung: Immer wenn den Nichtbesitzenden allmählich die Daumenschrauben zu eng anliegen und etwa die Abschaffung der Gesundheitsversorgung, die Vernichtung der Flächenbildung oder verwandte Sauereien zu Unmut führen, erzählen uns Zeitung, Radio, Fernsehen, Internet und alle sonstigen Vervielfältigungseinrichtungen der Propaganda der Besitzenden, wie schrecklich Stalin, die DDR, die RAF und die K-Gruppen waren. Aber Zeitung, Radio, Fernsehen und alle sonstigen Vervielfältigungseinrichtungen der Propaganda der Besitzenden wissen gar nicht, was und wer Stalin, die DDR, die RAF und die K-Gruppen waren, weil ihnen jedes Erkenntnisinteresse dafür fehlt. Das alles können wir nur selbst herausfinden, und was daraus zu lernen ist, kümmert die Besitzenden nicht.

Viertens: Unbedingt aufpassen, dass die eigenen Frustrationen und Unzulänglichkeiten nicht zum Hass auf andere Nichtbesitzende oder auf andere Art Einflussarme verleiten!

Erläuterung: Ich kenne einen von zu viel Junk Food zu bedauerlicher Schwammigkeit aufgedunsenen kritischen Sozialwissenschaftler, der sich neulich in einer Denkpause zwischen sozialwissenschaftlicher Frühschicht und sozialwissenschaftlicher Spätschicht bei einer befreundeten, boshaften und verhärmten Marketing-Fachfrau aus dem Kunstwesen eine halbe Stunde lang bitterlich darüber ausgekeift hat, dass auf sozialwissenschaftlichen Kongressen zu Fragen des Rechts, der modernen Ehe, der Liebe und Sexualität immer häufiger von Homosexuellen, neuerdings aber auch noch mit großer Vehemenz von Menschen die Rede sei, die sich „transgendered“ nennen – „das sind Operierte oder so“, schimpfte der Sozialwissenschaftler, und konnte sich kaum beruhigen, so sehr störte ihn das angebliche „Herumreiten auf irgendwelchen Besonderheiten der sexuellen Orientierung oder Ungewöhnlichkeit“. Leider weiß ich zufälligerweise, dass die Gattin des kritischen Sozialwissenschaftlers, die sich als Sportjournalistin mit Körpern gut auskennt, gelegentlich bei seinen KollegInnen im Vertrauen darüber schimpft, der Mann lasse sich furchtbar gehen und solle wenigstens ab und zu ein Fitness-Studio aufsuchen. Manche Sachen sind ebenso entsetzlich wie einfach zu erklären.

Fünftens: Niemals, nirgends und unter gar keinen Umständen sollten die Besitzlosen die Produktivitätskriterien der Besitzenden akzeptieren!

Erläuterung: Dass unter der Herrschaft der Besitzenden der destruktivste Unsinn als produktive Tätigkeit gilt, solange er nur einen Profit abwirft, weiß die Welt seit Marxens Zeiten. Sie ahnte es schon davor. Seither aber ist das Spiel nur noch schlimmer und verkehrter geworden: Der Kapitalismus erzwingt, das kann man auf der Straße, in den Büros und sogar im Netz täglich beobachten, immer mehr Tätigkeiten, die nicht einmal nach seinen eigenen Maßstäben sinnvoll sind, und umgekehrt bleibt ein Rest von Gemeinwesen nur deshalb bestehen, weil es vorläufig noch genügend Leute gibt, die sich den dafür lebensnotwendigen brotlosen Künsten verschrieben haben. Es wird Zeit, dass dieser Blödsinn aufhört.

Sechstens: Falls Besitzende, was ihnen manchmal aus den verschiedensten Gründen und Anlässen einfällt, von Nichtbesitzenden eine Information – statt bloß Unterwürfigkeit, Rackern und Genügsamkeit – verlangen, ist jenen grundsätzlich nur mit den abwegigsten, widersprüchlichsten und unverständlichsten Lügen zu antworten! Die glauben sie nämlich besonders gerne.

Erläuterung: Brecht erzählt von seinem Herrn Keuner, jener sei gebeten worden, sich gegen die Gewalt auszusprechen. Im Angesicht der Gewalt sprach sich Herr Keuner natürlich stattdessen für die Gewalt aus, und erläuterte diese kluge Wahl später mit dem Hinweis, sein Rückgrat sei nicht zum Zerbrechen da. Die große feministische Dichterin Joanna Russ sagt es noch einfacher: „Don’t break your cover.“

Siebtens: Über diejenigen, die im Kampf um das Ende von Ausbeutung, Unterdrückung, Ausgrenzung, Benachteiligung und menschlicher Ekelhaftigkeit allerlei Annehmlichkeiten, Chancen, Glück, Gesundheit oder das Leben verloren haben, sollte man so viel lernen, wie man überhaupt in Erfahrung bringen kann! Das ist die einzige Möglichkeit für die Besitzlosen, jene und zugleich sich selbst zu achten.

Erläuterung: Wer war der britische Komponist, der gegen den Rassismus gekämpft hat und den nachts im Winter ein Auto überfuhr? Wer war die deutsche Publizistin, die versucht hat, Heimkindern zu helfen, und erhängt in einer Gefängniszelle gefunden wurde? Wer war der nordafrikanische Flüchtling, der im Meer ertrunken ist, angestrahlt von den Scheinwerfern der Grenzschützer? Wer ist Schuld?

Achtens: Wer mit anderen Ausgebeuteten, Unterdrückten, Ausgegrenzten, Benachteiligten und ekelhaft Behandelten gegen gemeinsame Gegner kämpft, sollte die Verschiedenheit der Ziele und Mittel respektieren und nicht auf der Vorherrschaft der eigenen bestehen, bis der Kampf deshalb verlorengeht.

Erläuterung: Es ist neuroanatomisch sehr schwierig, sich selbst zu kitzeln. Wenn man mit der eigenen Hand den eigenen Fuß kitzelt, weiß das Hirn schon Bescheid und findet es nicht lustig. Der Drogendealer Scarface sagt es noch einfacher: „Don’t get high on your own supply“.

Neun: Programme, Strategien und Taktiken zur Umwälzung des schlechten Bestehenden, die komplett abgeschlossen sein wollen, bevor die Umwälzung gelungen ist, gehören in den Recyclingbehälter, nicht auf die Tagesordnung!

Erläuterung: Mit Endprodukten des Stoffwechsels kocht sich’s schlecht.

Zehn: Neid sollten Besitzlose als schwere Gemütsstörung verschmähen, die das System, in dem die Menschen nach Besitzenden und Besitzlosen sortiert sind, nicht schwächt, sondern stärkt! Was bekämpft gehört, ist nicht der vorhandene materielle Reichtum der Besitzenden, sondern die Kontrolle über den potentiellen Reichtum aller durch wenige.

Erläuterung: Die Schauspielerin Kristen Stewart hat zwischen 2011 und 2012 28 Millionen Dollar verdient, die Schauspielerin Cameron Diaz währenddessen 27,6 Millionen Euro und die Schauspielerin Sandra Bullock im selben Zeitraum 20 Millionen Euro. Ihnen dieses Geld wegzunehmen, bringt die Menschheit der Freiheit und der Gerechtigkeit nicht sehr viel näher.


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Artikel aus der Ausgabe Oktober 2012
Prager Frühling Oktober 2012

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Kommentare

  • I like kluge Gedanken,

    Kommentar von Jens
    geschrieben am 11. Dez 2012 20:53

    ... aber i don't like Facebook.

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Mitte Oktober 2008 kam die zweite Ausgabe von prager frühling, dem neuem Magazin für Freiheit und Sozialismus. Das nächste Heft widmet sich schwerpunktmäßig dem Verhältnis von Politik und Kultur. Ziel der Redaktion ist es, politisches Engagement und Kultur einander näher zu bringen. Dabei geht es nicht um eine Kolonisierung des einen Bereichs durch den anderen ...

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Der Schwerpunkt der ersten Ausgabe des Magazins prager frühling heißt "Refound: NeuBegründung". Unsere Autorinnen erklären was der "Bruch nach vorn" ist. Mit dabei Frigga Haug, Thomas Seibert, Hans Jürgen Urban, Daniela Dahn und Michel Friedmann.

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