Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)

Plünderungsökonomie und Terror

Die hochprofitablen islamistischen Terrornetzwerke halten dem Westen den Spiegel vor

Tomasz Konicz

Kein politischer und weltanschaulicher Abgrund scheint größer als der zwischen dem neoliberal-kapitalistischen Westen und den Steinzeitislamisten der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). Und dennoch kommen etliche Beobachter im Westen nicht umhin, die evidenten Ähnlichkeiten bei Organisationsformen, Strukturen und Öffentlichkeitsarbeit zwischen der Terrortruppe und dem Rückgrat der westlichen „freien“ Marktwirtschaft, den transnationalen Großkonzernen, zu bemerken. Der IS operiere wie ein „multinationales Unternehmen“, titelte etwa der britische Telegraph im Juni 2014, während die in Wirtschaftsfragen bewanderte Financial Times zu der Schlussfolgerung gelangte, das Dschihadisten-Netzwerk strebe letztendlich danach, „Terror zu verkaufen“.

Der IS sei kein Konzern und habe keine Aktionäre, aber die militärischen Erfolge und die Brutalität der Dschihadisten im Irak seien „auf einem Niveau der Präzision festgehalten worden“, das zumeist der Buchführung von Konzernen vorbehalten sei, so die Financial Times. In regelrechten Jahresberichten lege die Terrorgruppe detailliert Rechenschaft ab über die Fortschritte ihrer Terrorkampagne. Ein ehemaliger Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes MI6 kommentierte: „Sie produzieren Bereichte nahezu wie ein Konzern, mit Details über Märtyrer-Operationen und Ziele. Du kannst hier eine klare umfassende Struktur, Planung und Strategie in der Organisation erkennen.“ Die Direktorin des US-Thinktanks Institute for the Study of War, Jessica Lewis, erläuterte gegenüber Telegraph: „Sie haben einen Geschäftsplan und ihr primäres Geschäftsfeld besteht in Expansion durch Eroberung. Es ist eine sehr effektive Institution und das macht sie zu einem sehr effektiven militärisch-nationalen Konzern.“

Der IS stellt somit gewissermaßen ein Nebenprodukt der krisenhaften kapitalistischen Globalisierung dar. Hierbei handelt es sich gerade nicht um eine autochthone, traditionalistische und aus den regionalen Sippenverbänden und „Stämmen“ hervorgegangene Aufstandsbewegung, sondern um eine im höchsten Maße globalisierte Besatzungsarmee, die sich in den sozioökonomischen und politischen Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes konstituierte. Deswegen massakriert der Islamische Staat immer wieder nicht nur „Ungläubige“, sondern auch Sunniten, die sich dieser Fremdherrschaft zu widersetzen wagen.

Vorbild Großkonzern

Worin aber besteht das Wesen dieser „Fremdherrschaft“, die eine – zumindest in ihrer Führungsriege – größtenteils zugereiste Dschihadistentruppe in dieser Zusammenbruchsregion zu errichten trachtet? Das, was sich im Zweistromland in Gestalt des IS materialisiert, ist eine bitterböse Karikatur, ein Negativ der effizientesten Organisationsform, die der Spätkapitalismus hervorgebracht hat: der transnationale Großkonzern. Der Islamische Staat stellt eine hocheffiziente „Geldmaschine“ (Bloomberg) dar, die durch Einnahmen aus Ölschmuggel und sonstigen Geschäftsfeldern der Organisierten Kriminalität einen permanenten „Strom von Geldzuflüssen“ erzeugen konnte. „Der Islamische Staat ist wahrscheinlich die vermögendste Terrorgruppe, die wir jemals kennengelernt haben“, erklärte ein US-Analyst gegenüber Bloomberg.

Dieser Terrorkonzern, der regelrechte „Geschäftsberichte“ publiziert, verfügt über eine hocheffiziente interne Befehlsstruktur und eine sehr effektive Militärmaschine, er unterhält eine professionelle Public-Relations-Abteilung, die sich sehr erfolgreich der Rekrutierung neuer Mitglieder widmet – und er übt sich im „Lean Management“ der eroberten Gebiete, deren Verwaltung lokalen Würdenträgern überlassen wird, sofern sie dem „Kalifat“ Treue schwören und Gefolgschaft leisten. Die Internationalen Verflechtungen dieser dschihadistischen „Geldmaschine“ beschränken sich nicht nur auf dessen Mitgliederstruktur, auch die Anschubfinanzierung des IS erfolgte bekanntlich über internationale Finanzzuwendungen reicher Sponsoren aus den Golfstaaten.

Der wichtigste Unterschied zwischen dem global agierenden Konzern und dem Islamischen Staat besteht darin, dass für die transnationalen Konzerne die Akkumulation von Kapital den Selbstzweck ihrer gesamten Tätigkeit bildet. Alle Verwüstungen und Zerstörungen, die der Spätkapitalismus den Menschen und der Umwelt antut, bilden nur Nebenprodukte des blinden und uferlosen Strebens nach Kapitalverwertung, worin der irrationale Kern der kapitalistischen Produktionsweise nun einmal besteht. Für den Islamischen Staat stellt die Kapitalakkumulation hingegen nur ein Mittel zu einem anderen irrationalen Zweck dar, der in einem möglichst effizienten Vernichtungs- und Zerstörungswerk besteht. Nichts anderes stellen die besagten „Geschäftsberichte“ des IS dar, es sind Auflistungen der erfolgreichen Terroroperationen dieses „Unternehmens“. Die implizite Tendenz zur Selbstzerstörung, die dem Kapitalismus innewohnt, tritt beim IS somit offen zutage, sie wird explizit.

ISIS: Brachiale Gewalt mit Social Media Button

Rationeller Wahn

Der Islamische Staat nutzt somit die effektivsten Organisationsformen und rationellsten Methoden, die der krisengeplagte Spätkapitalismus hervorbrachte, um ein irres, ein wahnsinniges Ziel zu verfolgen: die buchstäbliche Auslöschung aller Ungläubigen. Spätestens hier wird eine Parallele zu dem bisher größten Zivilisationsbruch der Weltgesichte, dem Vernichtungswerk des deutschen Nationalsozialismus, offensichtlich. Auch die Nazis bedienten sich der damals modernsten Organisationsformen und Methoden, um mit Auschwitz eine fordistische Todesfabrik zu erschaffen, deren fließbandartig hergestelltes „Produkt“ in dem aus den Krematorien aufsteigenden Rauch verbrannter Menschenleiber bestand. So wie die Nazis im rassistischen Wahn eine effiziente negative Fabrik der Menschenvernichtung errichteten, um die Welt von Juden, Roma, slawischen Untermenschen oder Bolschewisten zu „säubern“, so konstituiert sich der IS in der Organisationsform eines negativen Konzerns, um sein irres Ziel eines religiös reinen Weltkalifats zu verfolgen. Die instrumentelle Rationalität und ökonomistische Vernunft des westlichen Kapitalismus, die zwecks effizientester Kapitalakkumulation immer weiter vervollkommnet wird, schlägt so in den Händen des IS in nackte Barbarei um.

Im Terrorkonzern, den der Islamische Staat errichtet, spiegelt sich somit die krisenhafte Irrationalität kapitalistischer Vergesellschaftung. Inzwischen scheinen sich erste Franchisenehmer auf dem globalisierten Terrormarkt einzufinden, die das massenmörderische Erfolgsrezept des IS zu kopieren versuchen. Eine zweite Welle der Globalisierung der dschihadistischen Barbarei setzt ein. Die westafrikanischen Dschihadisten der irren Terrorsekte Boko Haram, die laut Neewsweek ein „Territorium von der Größe Irlands“ kontrollieren, bemühen sich ebenfalls, mit der Ausrufung ihres afrikanischen „Kalifats“ das Vorgehen des IS zu imitieren.

Die New York Times sieht in der zunehmenden „Kommerzialisierung“ islamistischer Terrornetzwerke gar einen globalen Trend, der von den Taliban mit ihrer Heroinindustrie begründet und von dem IS auf die Spitze getrieben wurde. Al-Qaida im Maghreb, Boko Haram oder die somalischen Shabab-Milizen würden „lokale Gelegenheiten zum Geldverdienen“ immer besser nutzen. Hierzu zählten Entführungen, Schmuggel, Geldwäsche, Schutzgelder oder Überfälle und Plünderungen. Der IS sei inzwischen dazu übergegangen, eine regelrechte „Kriegsökonomie“ aufzubauen, bei der die Kontrolle über die Überreste der lokalen Ölindustrie und der „Ausverkauf des Eigentums und der Ausrüstung“ der kollabierten Regierungen Einnahmen generieren würden. Dieses „auf Profiterzielung ausgerichtete Militanzmodell“ habe der Milizbildung auf der ganzen Welt „neues Leben eingehaucht“.

Dieser Plünderungsökonomie in den Zusammenbruchsgebieten des Weltmarktes können somit traumhafte Wachstumsprognosen ausgestellt werden. Um was konkurrieren die Terrorgruppen auf dem globalen Terrormarkt? Neben den Finanzzuwendungen vermögender Sponsoren aus den Despotien der arabischen Halbinsel ist es vor allem die Ware, die der Spätkapitalismus im Überfluss ausscheidet: Menschen. Viele der spektakulären Angriffe und Aktionen des IS zielen gerade auf einen propagandistischen Effekt ab, mit dem die Rekrutierung neuen Menschenmaterials beschleunigt werden soll.

Hipsterterror: ISIS-Graffiti.

Heimat heiliger Krieg

Es ist ein Eingeständnis des völligen Scheiterns des brutalen westlichen „Krieges gegen den Terror“, der letztendlich unter Anwendung terroristischer Methoden geführt wurde. Nach rund 13 Jahren hat sich eine global agierende Schicht von Zehntausenden heimatlosen Gotteskämpfern herausgebildet, deren Heimat der „Heilige Krieg“ ist. Im Gegensatz zum global agierenden Al-Kaida-Netzwerk ist diese neue Generation von Dschihadisten aber bemüht, in den Zusammenbruchsgebieten des Weltmarktes Territorien zu erobern und zu halten, um ihr Wahngebilde eines weltumspannenden Kalifats zu verwirklichen.

Zurückgreifen kann der in Geld schwimmende Islamische Staat dabei auf die Heerscharen ökonomisch „überflüssiger“ junger Männer, die in der Peripherie – und zunehmend auch in den Zentren – des kapitalistischen Weltsystems ein marginalisiertes und elendes Dasein fristen. Ein Sold von wenigen Hundert US-Dollar im Monat und die Hoffnung auf ein jenseitiges Paradies reichten in vielen Fällen aus, um diese perspektivlosen Menschen, die in der Hölle zerfallender Staaten und Gesellschaften vegetieren, zum Beitritt in die Reihen des IS zu motivieren.

Und tatsächlich verwandelten diese ungeheuren Finanzmittel den IS in ein organisatorisches Gravitationszentrum in der gesamten Region, das Islamisten, Milizionäre und perspektivlose Jugendliche gleichermaßen anzieht. Die Terrorgruppe kann sich bereits eine riesige Armee schlicht zusammenkaufen. In der Ukraine kostet ein Milizionär rund 1000 US-Dollar monatlich, doch im Nahen Osten sind die Preise aufgrund des weitaus größeren Elendsniveaus niedriger, wie ein Nahost-Analyst in der Washington Post vorrechnete: „Zum Beispiel könnte der IS für 425 Millionen US-Dollar über ein ganzes Jahr hinweg 60.000 Kämpfern 600 US-Dollar monatlich zahlen.“

Mit dem BMW in die Steinzeit ist in der kulturindustriellen Variante viel mehr Fun.

Im BMW in die Steinzeit

Für viele marginalisierte Jugendliche in der ökonomisch daniederliegenden Region stellt eine „Karriere“ beim „Islamischen Staat“ schlicht die einzige nennenswerte Perspektive dar, um Elend und Hunger zu entgehen. Der Spiegel berichtete etwa von einem jugendlichen ISIS-Milizionär aus einem verarmten konservativen Stadtteil von Istanbul, der sich den Islamisten angeschlossen habe, nachdem man ihm „400 Dollar im Monat“ versprochen habe. Ein für den IS kämpfender Milizionär aus Syrien nannte im Interview mit Welt-Online ausdrücklich den gerüchteweise verbreiteten Reichtum der Gotteskrieger als einen wichtigen Grund für deren erfolgreiche Rekrutierungskampagne: „Angeblich bekamen die Kämpfer zur Hochzeit Zehntausende Dollar. Viele sollen einen BMW X5 fahren.“ Diese Aussage verdeutlicht den postmoderne Gemütszustand vieler jugendlicher Dschihadisten, der kaum noch Ähnlichkeiten mit der klassischen islamischen Religion aufweist: Sie möchten im BMW X5 in die Steinzeit zurückfahren.

Von Tomasz Konicz erschien zuletzt im Unrast-Verlag das Buch „Aufstieg und Zerfall des Deutschen Europa“.

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Artikel aus der Ausgabe Februar 2016
Prager Frühling Februar 2016

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