Prager Frühling, Magazin für Freiheit und Sozialismus (www.prager-fruehling-magazin.de)

Pfade in die Zukunft?

Der prager frühling Werkzeugkasten

Prager frühling öffnet wieder einmal seinen kleinen Werkzeugkasten und stellt Ausrüstungszeug — Ideen und Projekte – vor, die sich eignen um hegemoniale Vorstellung auseinanderzunehmen und kleine Modelle gesellschaftlicher Emanzipation zu basteln.

Bedingungloses Grundeinkommen selbermachen?

Das sieht man nicht so oft: Beim SAT1-Frühstücksfernsehn wird bei Croissant und Kaffee über die Vorzüge des Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) geplaudert. Möglich gemacht hat dies die Crowdfunding-Initiative von Michael Bohmeyer. 4.000 Menschen haben in kurzer Zeit ein Grundeinkommen für vier Menschen gespendet. Diese bekommen nun jeden Monat 1.000 EUR. Bedingungslos. Einfach so. Da wird sogar das private Frühstücksfernsehen neugierig. Und so darf „Micha aus Berlin“ erläutern, warum auch Menschen, die nicht erwerbsarbeiten ein Einkommen verdienen und warum das sogar viele Chance für die Gesellschaft eröffnet.

Schön flüssig bleiben geht auch mit BGE und ohne BIer. Geht aber auch mit

Natürlich besteht die Möglichkeit, dass die vier mit dem Geld tun, was so mancher schon immer gewusst zu haben meint: Die hängen ab, glotzen TV und versaufen die Kohle. Aber auch das ist erlaubt. Wahrscheinlicher ist aber, was Michael Bohmeyer vermutet. Menschen werden kreativ und schaffen Dinge, auf die sie erwerbsarbeiten müssend nie gekommen wären. Wer sich auf Bohmeyers Plattform anmeldet, kann aufschreiben, was er oder sie tun würde, wenn er ein Grundeinkommen erhalten würden. Somit wird die Plattform auch zu einem Repositorium der durch Lohnarbeit unerfüllten Wünsche.

Wer mehr Informationen haben möchte, selbst einmal für ein Jahr ein von seinem eigenen Schaffensdrang überrascht werden will oder diese Erfahrung anderen ermöglichen möchte, hier gibt es mehr Infos.

Eigentum abschaffen?

Eigentum ist Diebstahl! Doch wie werde ich jetzt den ganzen Krempel los? Und im Ernst: An welchen Schrauben können wir drehen, um eine Praxis des kollektiven Zugriffs auf zentrale gesellschaftliche Bereiche zu etablieren. Es gibt schöne Ansatzpunkte, die Wohnen, Energie oder Ideen Privaten entziehen möchten.

Eigentum ist Diebstahl und nimmt viel Platz weg

So unterstützt das Miethäusersyndikat Projekte, die Häuser entprivatisieren, sie dem Immobilienmarkt entziehen. Hermann Scheer hat für eine dezentrale Energiepolitik in Bürger_innenhand gekämpft. Wir als prager frühling haben bereits Vorschläge auf dem Weg zum Wissenskommunismus unterbreitet.

Zweigeschlechtlichkeit überwinden?

Die Zweigeschlechtlichkeit wird sich nicht mit dem Heteronormativitätsabschaffungsgesetz (HeNoAbG) überwinden lassen. Wie aber dann? Gibt es erste Schritte, an die es anzuknüpfen gilt? Es gibt sie! Man mag über facebook denken, was man will, aber die hier ist Geschlecht nicht mehr auf Penis oder Vulva reduziert. Die Benutzer_innen können unter knapp 60 Kategorisierungen wählen und entscheiden, ob sie ihr Geschlecht öffentlich machen – oder sich ohne Geschlecht präsentieren.

Zweigeschlechtlichkeit überwinden ganz einfach: Hinsetzen!

Andere Beispiele sind Unisex-Klos – zunehmend führen öffentliche Gebäude Toiletten ein, die nicht zwischen breiten Schultern und Rockträger_innen unterscheiden und die Vorstöße Sprache von Geschlecht zu befreien. Statt einer geschlechtsanzeigenden Wortendung schlägt Professx Lann Hornscheidt ein schlichtes „x“ vor. Zuletzt sind an dieser Stelle die Kämpfe von und für Intersexuelle zu nennen, die einen kleinen Teilerfolg erzielen konnten, weil Neugeborenen im Personenstandsregister nicht mehr zwingend als männlich oder weiblich eingetragen werden müssen. (Dazu Richarz/Brachthäuser in Forum Recht)

ÖPVN zum Nulltarif verwirklichen?

In der belgischen Stadt Hasselt wurde die kostenfreie Nutzung des ÖPNV vor gut einem Jahr nach 17 Jahren abgeschafft. Aber paradoxer Weise ist das nicht ein Ausdruck des Scheiterns des Modellprojekts, sondern seines Erfolgs. 1997 war der Busverkehr zum Nulltarif in der 75.000-Einwohnerstadt eingeführt worden, weil sie im Verkehr erstickte – und dies trotz (oder wegen) gut ausgebauter Straßen. Finanziert wurde dies aus eingesparten Straßenbauprojekten und den Einnahmen aus der Parkraumbewirtschaftung. Nicht eingerechnet hingegen wurde der volkswirtschaftliche Nutzen, der durch die Reduzierung der Verkehrsunfälle einhergeht. Das sind keine Peanuts. Alleine in Berlin betragen die Schäden durch automobile Verkehrsunfälle 1,1 Mrd. Euro.

Aber am Ende kapitulierte die Stadt, weil das Geld dennoch nicht reichte – die Nutzendenzahl hatte sich vervierfacht. Nun zahlen Fahrgäste, die älter als 19 Jahre alt sind, wieder 60 Cent pro Fahrt. Auch in der estnischen Hauptstadt Tallinn wurde das ticketlose Fahren mit Bus und Tram eingeführt. Kaum war dies eingeführt waren diese durch UmsteigerInnen so überlastet, dass die Gratisnutzung auch auf die Regionalzüge ausgeweitet wurde.

Aber die Idee kostenfreier Mobilität funktioniert nicht nur in der Stadt. Ansätze gibt es auch auf dem Land. Wie MObiL – der Mitfahr-Dezentrale, über die wir in der vergangenen Ausgabe berichteten. MObIL bringt Tramper und Autofahrer auf dem Land zusammen. Kostenfrei versteht sich.

Könnt es öfter geben - kostenloser ÖPNV
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Artikel aus der Ausgabe Oktober 2014
Prager Frühling Oktober 2014
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